Anästhesie und OP

Was in und um den OP bei MHA wichtig ist

Bei Patientinnen und Patienten mit Migräne mit Hirnstammaura gibt es im operativen Umfeld einige Besonderheiten, die das Anästhesieteam kennen sollte. (Quellen siehe unten.)

Die meisten Eingriffe verlaufen problemlos, doch bestimmte Faktoren können Auren triggern oder neurologische Symptome verstärken. Die folgenden Hinweise fassen die klinisch wichtigsten Punkte kurz zusammen.

Vasokonstriktion reduzieren/vermeiden

Vorsicht bei gefäßverengenden Medikamenten (z. B. zur Blutdruckstabilisierung oder Lokalanästhesien mit Adrenalin). Diese können bei MHA-Betroffenen problematisch sein.

Wenn möglich:

  • niedrigere Dosierungen
  • Alternativen ohne Vasokonstriktoren prüfen
  • hämodynamisch engmaschiger beobachten

Starke Blutzuckerschwankungen vermeiden

Starke Schwankungen und präoperative Nahrungskarenz können Auren triggern.

Empfehlung aus der klinischen Praxis:
» stabile Blutzuckerführung, ggf. Glucose i. v. bei längerem Nüchternsein oder bei Risiko für Hypoglykämie. Zielwert intraoperativ oft: ~120 mg/dl, je nach Klinikstandard.

Aura-Symptome kennen

Während oder nach der OP können auftreten:
» Dysarthrie
» Schwindel / Ataxie
» Doppelbilder
» Vigilanzveränderungen
» motorische Schwächen (nicht Diagnosekriterium der MHA, dennoch in der Praxis relativ häufig zu beobachten)

Wichtig: reversible Symptome, aber nicht bagatellisieren. Monitoring beibehalten, Stroke-Protokoll nur bei atypischem Verlauf.

Postoperativ

Aufklären, dass neurologische Symptome möglich sind, ohne dass eine Komplikation vorliegt.
» Frühe Flüssigkeitsgabe, Schmerzmanagement, Blutzucker im Blick.

Stress und Hyperventilation vermeiden

Beides kann Auren auslösen oder verstärken.
» Ruhige Einleitung, ausreichend Analgesie, CO₂-Management beachten.


Illustration eines Stethoskops in einem Kreis zur Veranschaulichung ärztlich relevanter Inhalte.

Wichtige Studien und Fachartikel:

(alle Quellen zuletzt abgerufen am 27.11.2025)

1. Perioperatives Risiko: Schlaganfall & Rehospitalisierung

„Migraine and risk of perioperative ischemic stroke and hospital readmission“:
Große US-Registerstudie: Migräne (besonders Migräne mit Aura) ist mit einem erhöhten Risiko für perioperative ischämische Schlaganfälle und einer erhöhten 30-Tage-Rehospitalisierungsrate verbunden.

Quellen:
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5225233/
https://www.health.harvard.edu/blog/migraine-may-increase-risk-of-post-operative-stroke-2017010310917
Auch deutsche Fachmedien berichten konsistent darüber:
Ärzteblatt: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/72676
Medscape Deutsch: https://deutsch.medscape.com/artikelansicht/4905691
Die Studie zeigte eine signifikante Odds Ratio für perioperative Schlaganfälle bei Migränepatienten, besonders bei Aura.
ResearchGate (Studienfassung): https://www.researchgate.net/publication/312204246
Die Ergebnisse gelten heute als Beleg dafür, Migräne mit Aura in die perioperative Risikoeinschätzung aufzunehmen.
Medscape Deutsch: https://deutsch.medscape.com/artikelansicht/4905691

2. Allgemeinanästhesie vs. neuraxiale Anästhesie

„Migraine headaches after major surgery with general or neuraxial anesthesia“
Taiwanesische Propensity-Matched-Studie: Kein signifikanter Unterschied im Risiko für postoperative Migräne zwischen Allgemein- und Spinal-/Epiduralanästhesie.

Quellen:
ResearchGate: https://www.researchgate.net/publication/357419204
MDPI (Volltext): https://www.mdpi.com/1660-4601/19/1/362
Wichtig: Andere Faktoren erhöhten das Migränerisiko deutlicher, z. B.:
» Angststörungen
» depressive Erkrankungen
» vorherige Notaufenthalte
» bestimmte Medikamente (Ephedrin, Theophyllin, systemische Steroide)

Quelle:
MDPI: https://www.mdpi.com/1660-4601/19/1/362

3. Schmerzmanagement & 30-Tage-Rehospitalisierung

„Migraine Associated With Increased Risk for Postsurgical 30-Day Hospital Readmission for Pain“
Migränepatienten und -patientinnen (besonders mit Aura) haben postoperativ ein deutlich erhöhtes Risiko, innerhalb von 30 Tagen wegen Schmerzen wiederaufgenommen zu werden.

Für Migräne mit Aura lag die adjustierte Odds Ratio für schmerzbedingte Rehospitalisierung bei ca. 2,20.

Quelle:
https://anesthesiaexperts.com/migraine-increased-risk-postsurgical-30-day-hospital-readmission-pain/

Die Analyse zeigt außerdem:
Unzureichendes perioperatives Schmerzmanagement scheint eine zentrale Rolle zu spielen.
PDF-Analyse:🗎↓ https://duepublico2.uni-due.de/servlets/MCRFileNodeServlet/duepublico_derivate_00071695/Platzbecker_et_al_Association_migraine_hospital_readmission.pdf

4. Vaskuläres Risiko bei Migräne mit Aura

Viele Daten weisen darauf hin, dass Migräne mit Aura ein eigenständiger vaskulärer Risikofaktor ist (Schlaganfall, Herz-Kreislauf), insbesondere bei bestehenden Zusatzrisiken.

Quelle:
Ärzteblatt: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/138839


🗎↓„Migräne mit Hirnstammaura in Anästhesie und OP – Wichtige Studien und Fachartikel“ als PDF zum Downloaden