Selten aber gut zu wissen
Die Migräne mit Hirnstammaura kann sehr belastend sein, verläuft aber in den allermeisten Fällen ohne ernste Probleme oder bleibende Schäden. Dennoch gibt es einige seltenere Komplikationen, die in der medizinischen Literatur beschrieben sind. Manche treten eher funktionell auf, andere sind selten, aber wichtig zu kennen.
Die folgenden Abschnitte geben einen Überblick.
1. Prolongierte Aura
Eine prolongierte Aura bedeutet, dass die Aurasymptome deutlich länger anhalten als üblich.
Statt der typischen 5–60 Minuten pro Symptom können einzelne oder mehrere Aurasymptome über Stunden, Tage oder sogar Wochen bestehen bleiben.
Besonders häufig lang anhaltend sind:
- diffuser Schwindel (nicht vestibuläre Migräne!)
- Koordinationsstörungen
- Hörstörungen, Tinnitus
- visuelle Phänomene wie Flimmern oder Gesichtsfeldeinschränkungen (jedoch seltener als Schwindel und Koordinationsprobleme)

Wichtig!
Abgrenzung gemäß ICHD-3:
» Symptome, die > 60 Minuten anhalten werden als atypische Aura kodiert.
» Symptome, die > 1 Woche anhalten, werden als persistierende Aura ohne Infarkt gewertet.
Wenn Schwindel und Gleichgewichtsstörungen dominieren und wiederkehren, sollte immer auch eine vestibuläre Migräne mitgedacht werden. Sie ist keine verlängerte Hirnstammaura, sondern eine eigenständige Migräneform.
Die prolongierte Aura ist unangenehm und verunsichernd, aber in der Regel auch vollständig reversibel.
(Quellen: vgl. Yamani, Chalmer & Olesen, 2019; Kaniecki, 2024)
In einigen Fachpublikationen wird der Status migraenosus ebenfalls als Komplikation aufgeführt. Auf dieser Seite wird er bei den ➜ Komorbiditäten beschrieben.
2. Schlaganfallrisiko, Narkosen & Hormone
— Migräne mit Aura & Schlaganfallrisiko allgemein
Menschen mit Migräne mit Aura haben insgesamt ein etwas erhöhtes Risiko für ischämische Schlaganfälle – also Schlaganfälle, bei denen ein Hirngebiet vorübergehend zu wenig Blut und Sauerstoff erhält, meist durch ein verengtes oder blockiertes Gefäß. Für die Migräne mit Hirnstammaura gilt nach aktueller Studienlage:
Migräne mit Hirnstammaura = kein höheres Risiko als andere Auren.
Neuere Untersuchungen zeigen zudem, dass Schlaganfälle bei Migränepatienten mit Aura insgesamt mildere Verläufe aufweisen als Schlaganfälle ohne Aura-Hintergrund.
(vgl. Ärzteblatt, 2009 und 2010)
— Migräne mit Aura & Schlaganfallrisiko bei Narkosen und perioperative Risiken
Während oder kurz nach größeren operativen Eingriffen ist das Schlaganfallrisiko für Menschen mit Migräne (vor allem mit Aura) messbar erhöht.
Wesentliche Erkenntnisse aus Timm et al. (2017):
» Risiko steigt von 2,4 auf 6,3 Fälle pro 1.000 Patient:innen mit Aura
» besonders bei ambulanten Eingriffen
» erhöht bei hoher Gabe von Vasopressoren
» Risiko für Wiederaufnahme ins Krankenhaus +31 %

Wichtig: weniger Panik mehr Planbarkeit!
Eine gründliche präoperative Besprechung (inklusive Hinweis auf die Migräne mit Hirnstammaura sowie alle eingenommenen Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel) hilft dem Anästhesieteam, mögliche Risiken gezielt zu reduzieren.
— Migräne mit Aura & Schlaganfallrisiko bei hormoneller Verhütung („Pille“)
Hormone beeinflussen das Schlaganfallrisiko deutlich. In Bezug auf die Migräne mit Aura und eingenommenen Hormonen besteht ein Konsens aus Weltgesundheitsorganisation (WHO), Deutscher Schlaganfallgesellschaft (DSG), Migränegesellschaften und Fachartikeln:
- Östrogenhaltige Präparate werden nicht empfohlen bei Migräne mit Aura
- Gestagenpräparate sind möglich, aber abhängig von Alter & Risikofaktoren
- Rauchen + Pille + Aura führen zu massiv erhöhtem Schlaganfallrisiko (bis x10)
- Frauen mit mehreren kardiovaskulären Risikofaktoren (WHO Gruppe 3) sollen keine hormonelle Kontrazeption verwenden
(vgl. WHO, 2015 u. 2025; DSG, 2018; Römer, 2019)
Faktisch sind die absoluten Fallzahlen für Schlaganfälle in Verbindung mit hormoneller Verhütung sehr gering. Die Praxis stellt sich darüber hinaus oft unklarer dar als die Datenlage, deshalb ist eine individuelle, ehrliche, vollständige Aufklärung wichtig. Die Entscheidung liegt am Ende immer bei der betroffenen Person, aber sie sollte auf soliden Informationen beruhen.
3. Locked-in-Syndrom
(extrem selten, aber dokumentiert in Fachpublikation und Betroffenenberichten)
In sehr seltenen Fällen wurden im Rahmen einer Migräne mit Hirnstammaura Episoden eines vorübergehenden Locked-in-Syndroms mit folgenden Symptomen beschrieben:
- vollständige Lähmung des Körpers
- Bewusstsein bleibt erhalten
- vertikale Augenbewegungen & Blinzeln möglich
- Dauer: wenige Minuten bis ca. 30 Minuten
Die Symptome bildeten sich jeweils vollständig zurück und es gab keine bleibenden Schäden.
Der klassische Bericht stammt von Sulkava & Kovanen (1983):
Eine junge Frau entwickelte ein vorübergehendes Locked-in-Syndrom während einer basilaren Migräne. Die Symptome verschwanden vollständig.
In zwei der Fallbeispiele im Buch „Migräne mit Hirnstammaura – Leben mit einer seltenen, schweren Form der Migräne (früher: Basilarismigräne)“ schildern die Betroffenen ebenfalls di Symptome eines Locked-in-Syndroms während einer Hirnstammaura.
(vgl. auch Schnetzer et al., 2023)
Wichtige Einordnung:
» Locked-in durch Migräne = vorübergehend & reversibel
» Locked-in durch Schlaganfall = länger anhaltend / dauerhaft
» Verwechslungsgefahr mit Schlafparalyse (nicht pathologisch)

Zusatzinfos
Weder die ICD-10 noch die ICD-11 enthalten Angaben dazu, wie lange die Symptome eines Locked-in-Syndroms anhalten müssen. Die Klassifikationen beschreiben den Zustand hauptsächlich über typische Merkmale (Tetraparese, vertikale Augenbewegungen, erhaltenes Bewusstsein), die in der Praxis meist dauerhaft gesehen werden. Vorübergehende oder episodische Verläufe werden dadurch nicht ausgeschlossen, gelten aber als ungewöhnlich.
In mehreren dokumentierten Fallberichten (darunter die im Buch „Migräne mit Hirnstammaura“ (Götten, 2025)), geschilderten Beispiele sowie der bekannte von Sulkava und Kovanen (1983) dokumentierte Fall) erfüllen die Betroffenen die diagnostischen Kriterien vollständig, obwohl sich die Symptomatik zurückgebildet hat.
Klinisch relevant bleibt, dass der Zustand zwar sehr selten, aber möglich ist.
Falschinterpretationen („Wenn Sie das hätten, käme es nicht wieder“) entstehen oft aus Unkenntnis, deshalb gehört dieses Wissen in jede Fachhand.
Es gilt: „Seltenheit ist keine Ausschlussdiagnose.“
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