Symptome und Diagnosekriterien

Wie äußert sich eine Hirnstammaura?

Die Migräne mit Hirnstammaura erzeugt neurologische Aurasymptome, die oft dramatisch wirken und gefährlichen Erkrankungen ähneln können – etwa Schlaganfall, Hirntumoren oder entzündlichen Prozessen. Viele Betroffene reagieren in dieser Situation zusätzlich mit Panik, Hyperventilation oder Weinen. Diese Reaktionen sind Folgen der Attacke, nicht ihre Ursache.

Durch gründliche Anamnese und ggf. stationäre ➜ Diagnostik lassen sich Hirnstammauren zuverlässig von anderen Erkrankungen abgrenzen.

Historische Begriffe und Unsicherheiten in älteren Publikationen

Vor 2024 wurden die Begriffe „Basilarismigräne“, „Migräne vom Basilaristyp“, „Basiläre Migräne“ oder „Basilarisarterien-Migräne“ oft uneinheitlich benutzt. Heute ist in der ICHD-3 eindeutig festgelegt, welche Symptome die Migräne mit Hirnstammaura definieren und welche nicht. Dennoch berichten viele Betroffene weiterhin Symptome aus den älteren Beschreibungen, die nicht in die aktuellen Kriterien übernommen wurden. Wahrnehmungsstörungen (z. B. Alice-im-Wunderland-Syndrom, Metamorphopsien) wurden nicht konsistent beschrieben, in verschiedenen Publikationen tauchen sie jedoch im Zusammenhang mit der Migräne allgemein und auch speziell mit Hirnstammauren auf. (z. B. Schmerzklinik.de, o.D.)

Diagnosekriterien (nach ICHD-3)

Die Migräne mit Hirnstammaura ist eine Migräne mit Aura, deren Symptome eindeutig dem Hirnstamm zuzuordnen sind. Wichtig: Es darf keine motorische Schwäche auftreten – dann müssten als hemiplegische Migräne kodiert werden.

A. Es müssen die allgemeinen Kriterien einer Migräne mit Aura erfüllt sein.
B. Aura mit beiden folgenden Punkten:

1. Mindestens 2 vollständig reversible Hirnstammsymptome:

  1. Dysarthrie (verwaschene Sprache)
  2. Schwindel (Vertigo)
  3. Tinnitus
  4. Hörminderung
  5. Diplopie (Doppelbilder)
  6. Ataxie, nicht durch Sensibilitätsverlust verursacht
  7. Bewusstseinsstörung (Glasgow Coma Scale (GCS) ≤ 13)

2. Keine motorischen oder retinalen Symptome

Ausrufezeichen in einem Dreieck als Symbol für wichtige Inhalte.

Wichtige Abgrenzungshinweise
(ICHD-3-Anmerkungen)

Dysarthrie ≠ Aphasie
Schwindel ≠ Benommenheit
Tinnitus ≠ Druck-/Völlegefühl im Ohr
Diplopie ≠ verschwommenes Sehen

Bewusstseinsstörung kann klinisch beobachtet oder retrospektiv aus der Schilderung des Patienten/der Patientin eingeschätzt werden.

Sind motorische Symptome vorhanden muss als hemiplegische Migräne kodiert werden.

(Quelle: ICHD -3)

Typische neurologische Symptompalette

Die folgenden Symptome werden in der Fachliteratur und von Expertinnen und Experten als typisch beschrieben:

1. Schwindel (Vertigo) — meist rotatorisch, sehr intensiv, kann länger als 60 min andauern → dann eher vestibuläre Migräne
❕Benommenheitsschwindel oder Schwankschwindel → keine Hirnstammaura

2. Sprachstörungen — Dysarthrie oder seltener Aphasie, Sprache „verwaschen“, Sprechen kaum möglich
❕Wortfindungsstörungen allein → keine Hirnstammaura

3. Hörstörungen — Tinnitus (5–60 Minuten), Hörminderung auf einem oder beiden Ohren
❕Sekunden-Tinnitus oder dauerhaftes Ohrgeräusch → andere Ursache

4. Doppelbilder — echte Diplopie (nebeneinander oder übereinander)
❕Verschwommensehen zählt nicht zur Hirnstammaura

5. Ataxie / Koordinationsstörungen — schwerste Gang- oder Standunsicherheit, ruckartige Beinbewegungen, Unfähigkeit zu gehen oder zu greifen
❕einfache Unbeholfenheit („gegen den Türrahmen laufen“) → keine Ataxie

6. Bewusstseinsstörungen — Verwirrtheit, Desorientierung, Amnesie
❕Müdigkeit oder BrainFog → keine Hirnstammaura

Symptome, die häufig berichtet werden, aber nicht Teil der Diagnosekriterien sind

Folgende Symptome tauchen häufig in Betroffenenberichten und älteren Fachtexten auf. Sie sind kompatibel mit der Erkrankung, aber nicht definierend:

  • Übelkeit, Erbrechen
  • Schluckstörungen (Dysphagie)
  • Gleichgewichtsprobleme
  • Druck-/Wattegefühl im Ohr
  • Photopsien, Skotome, Amaurosis fugax („flüchtige Blindheit“)
  • Nystagmus
  • Metamorphopsien („Alice-im-Wunderland-Syndrom“)
  • beidseitige Parästhesien oder Taubheitsgefühle

(Quellen: z. B. Schmerzklinik.de, o. D.; Kadian et al., 2023; Yang, 1994/2025);

Informationssymbol für grundlegende Informationen

Was NICHT zur Diagnose „Hirnstammaura“ gehört

  • motorische Schwäche / Lähmungserscheinungen (→ hemiplegische Migräne)
  • einseitige Symptome
  • rein sensorische Auren ohne Hirnstammbezug
  • reine Benommenheit oder „Neben-sich-Stehen“
  • Migräne ohne Aura
  • Angstzustände, Panik, Hyperventilation als Ursache

Reversibilität

Alle Aurasymptome bilden sich vollständig zurück.
Langfristige Schäden (schwere Komplikationen) sind extrem selten.

Informationssymbol für grundlegende Informationen

Anhaltende Symptome

Die Symptome der Hirnstammaura, so wie sie in den Diagnosekriterien beschrieben sind, bilden sich im Regelfall innerhalb von Minuten oder Stunden vollständig zurück. Trotzdem bleibt das Migränegehirn auch zwischen den Anfällen oft übermäßig reizempfindlich.

Betroffene berichten daher oft, dass gerade Schwindel, Gleichgewichtsstörungen, visuelle Instabilität oder Benommenheit auch in diesen Zeiten bestehen bleiben, oder immer wieder kurz im Alltag auftauchen, ohne sich zu einer „lehrbuchartigen“ Hirnstammaura auszubilden. Fachleute sprechen in dieem Zusammenhang auch von interiktaler neuronaler Hyperexzitabilität, persistierender sensorischer Sensitivierung und kortikaler Hypererregbarkeit.

Manche dieser Sympromkonstellationen erfüllen auch die Diagnosekriterien der Prolongierten Aura, die es auch als Komplikation der Hirnstammaura gibt, oder einer vestibulären Migräne (vgl. Tarnutzer et al, 2023).

Die generelle Reizempfindlichkeit macht die Diagnose „Migräne mit (Hirnstamm-)Aura“ nicht unwahrscheinlicher, sondern spricht im Gegenteil duchaus für ein Migränegeschehen. Mehrere spezialisierte Kopfschmerzzentren weisen darauf hin, dass eine gerade stattgefundene Aura das Auftreten der nächsten noch wahrscheinlicher macht. Nach dem Motto „Eine Aura kommt selten allein“ bleibt das Gehirn für Stunden bis Tage in einer Art „vorgezündetem Zustand“, wenn eine Aura frisch aufgetreten ist (vgl. auch Thissen et al, 2014 und Cantillo-Martinez et al, 2025).

Die ICHD-Kriterien (s.o.) sind insofern als Diagnosewerkzeuge zu verstehen, nicht als Beschreibung des Alltagslebens von Betroffenen.


Hinweis zu den Quellen:
Die hier aufgeführten Symptome sind in der Fachliteratur gut dokumentiert (z. B. Olesen, 2018; Yamani et al., 2019; Kaniecki, 2024). Weitere klinisch berichtete Symptome finden sich unter anderem bei Göbel (2012), Holle-Lee (2025), im GARD-Verzeichnis sowie in der Barany-Klassifikation.

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