Was versteht man unter Komorbiditäten?
Komorbiditäten sind zusätzliche Erkrankungen oder Störungen, die parallel zu einer Grunderkrankung auftreten. Bei der Migräne mit Hirnstammaura können verschiedene Begleiter vorkommen – manche oft, manche eher selten, manche ungeklärt.
Wichtig:
Nicht jede zusätzlich auftretende Migräneform ist eine „eigene“ Krankheit. Oft handelt es sich eher um Ausprägungen desselben neurologischen Grundproblems.
1. Andere Migräneformen (sehr häufig)
Viele langjährig Betroffene berichten von einer individuellen Mischung aus:
» Hirnstammaura
» typischer Aura (Flimmersehen, Gesichtsfeldausfälle, Kribbeln)
» episodischer Migräne
» Migräne ohne Aura
» vestibulärer Migräne
Diese Formen überlappen sich im Verlauf oft. Manchmal wechseln sie sich ab, manchmal treten sie gleichzeitig auf. Ein typisches „Verhalten“ der Migräne – sie verändert sich immer wieder.
1.1 Chronische Migräne
Bei vielen entwickelt sich im Lauf der Jahre auch eine chronische Migräne, bei der es an über der Hälfte der Tage im Monat zu Kopfschmerzen (mit und ohne Auren) kommt. Manche müssen gar mit täglichen Kopfschmerzen in unterschiedlichen Qualitäten und Ausprägungen leben.
Der ICHD-3 definiert eine chronische Migräne wie folgt:
- ≥ 15 Kopfschmerztage/Monat, davon
- ≥ 8 Tage mit migräneartigen Merkmalen,
- über > 3 Monate.
- Charakteristisch:
- wechselnde Schmerzqualitäten
- schwer abgrenzbare Episoden
- hoher Leidensdruck
- häufig Mischformen aus Spannungskopfschmerz, Migräne und Aura

Medikamentenübergebrauch (MÜK)
Einer der häufigsten Gründe für chronische Kopfschmerzen überhaupt ist das langfristige, übermäßige Einsetzen von Schmerzmitteln. Fachkreise haben daher die 10/20-Regel fomuliert. Sie besagt, dass an maximal 10 Tagen im Monat Schmerz- oder Migränemittel (Triptane) eingesetzt werden sollen.
Laut Fachleuten, wie Prof. Holle-Lee (Westdeutsches Kopfschmerz- und Schwindelzentrum der Uniklinik Essen), geht es hierbei nicht um das Einhalten dieser Regel um jeden Preis, sondern um eine pragmatische Anpassung an die eigenen Lebensumstände und das Finden einer wirksamen Prophylaxe als Primärziel. Ist dies erreicht, stellt die 10/20-Regel kein Problem mehr dar, durch das Betroffene sich oftmals zusätzlich unter Druck gesetzt sehen (= kontraproduktiv für die Migräne).
1.2 Status migraenosus
Einen Migräneanfall, der länger als 72 Stunden anhält nennt man Status migraenosus oder „Migränestatus„.
Oft tritt er mit prolongierter Aura und extremen Erschöpfungszuständen auf.
Ein Migränestatus braucht meist stationäre Behandlung oder (bei langjährig Betroffenen mit ärztlich abgesprochenem (!) Notfallplan) eine eigenständige kurzfristige Therapie (z. B. mit Glukokortikoiden wie Prednisolon 50-100mg/ max. 3 mal im Jahr). Wichtig: Ein individueller Notfallplan gehört immer in ärztliche Hände; die Umsetzung liegt bei Betroffenen, die ihren Verlauf gut kennen.
(Quellen: z. B. Schwedt, 2013 und Kadian et al., 2023)
2. Depressionen
Depressionen treten bei Menschen mit Migräne – besonders bei schweren oder langjährigen Verläufen – häufiger auf. Das liegt nicht nur an biologischen Faktoren, sondern auch an der Belastung, die eine wiederkehrende neurologische Erkrankung mit sich bringt.
Biologie:
Migräne geht mit Veränderungen verschiedener Botenstoffe und Stresssysteme einher (z. B. Serotonin, Dopamin, glutamaterge Netzwerke). Einige genetische und neurochemische Faktoren erhöhen sowohl das Risiko für Migräne als auch für depressive Symptome. Diese Überschneidung macht es plausibel, dass beide Erkrankungen einander verstärken können.
Belastung:
Zusätzlich spielt die Lebensrealität eine entscheidende Rolle. Faktoren wie
- häufig empfundenem Kontrollverlust
- wiederkehrender Todesangst
- sozialem Rückzug
- fehlender ärztlicher Unterstützung
- Medical Gaslighting
machen das Auftreten depressiver Symptome wahrscheinlicher – als Reaktion auf ein dauerhaft überlastetes Stress- und Bewältigungssystem.

Wichtig:
„Traurig sein wegen der Situation“ ist kein Zeichen einer Depression.
Eine Depression liegt erst vor, wenn Symptome anhaltend, täglich und funktionseinschränkend sind.
Fest steht: Migräne ↔ Depression beeinflussen sich gegenseitig.
Eine Depression macht die Migräne nicht psychisch. In der Praxis ist es oft umgekehrt: Die Belastung durch die Migräne (insbesondere in schwerer Form) begünstigt depressive Symptome – und diese erschweren den Umgang mit der Erkrankung. Beide beeinflussen sich, ohne dass die Migräne dadurch zur psychischen Störung wird.
(➜ DSM 5-Kriterien Depression ➜ ICD-11 – Depressive disorders (WHO)
siehe auch ➜ Differenzialdiagnostik: Abgrenzung zu psychischen Störungen
3. Angsterkrankungen
Angst ist bei einem Migräneanfall mit Hirnstammaura zunächst eine normale Stressreaktion. Im Gegenteil: Es wäre „unnormal“ keine Angst zu haben, zumindest wenn die Symptome extrem stark oder erstmalig auftreten und noch keine Diagnose gestellt wurde.

Wichtig!
Nicht jede Panikattacke während eines Anfalls ist eine „Panikstörung“ gemäß geltender Diagnoserichtlinien (ICD-10 GM 2025; ICD-11 (WHO); DSM-5 / DSM-5-TR (APA)).
Viele Betroffene entwickeln über längere Zeiträume mit der Erkrankung eine Angststörung aufgrund von:
- jahrelangen Fehldiagnosen
- Medical Gaslighting
- unerkannten neurologischen Symptomen
- belastenden Notfallsituationen
- mangelnder Aufklärung
Diese Angst ist damit Folge, nicht Ursache der Erkrankung.
Siehe dazu: ➜ Differenzialdiagnostik: Abgrenzung zu psychischen Störungen
4. Traumatisierung (PTBS)
Studien zeigen, dass Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) bei Menschen mit Migräne deutlich häufiger vorkommt als in der Allgemeinbevölkerung. In epidemiologischen Arbeiten werden Bereiche von ca. 14–25 % beschrieben (z. B. Seng & Buse, 2017; diverse Übersichten, darunter Primary Care Companion CNS, 2019).
Für die Unterform Migräne mit Hirnstammaura gibt es bislang keine separaten Forschungsdaten.
Eine schwere Hirnstammaura ist ein potenziell traumatisierendes Ereignis, das das gesamte stressverarbeitende System überlasten und aus dem Gleichgewicht bringen kann – machmal dauerhaft.
» Todesangst
» Kontrollverlust
» Ataxien (als motorische Ausfälle / Lähmungen empfunden, obwohl es medizinisch korrekt keine sind)
» Verlust der Orientierung
» fehlende Hilfe
» Fehldiagnosen
» unempathisches, übergriffiges medizinisches Fachpersonal
sind Faktoren, die zu posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) oder komplexen Traumafolgestörungen führen können.

Wichtig:
Auch ärztliches Fehlverhalten (Bagatellisieren, Psychologisieren) kann iatrogen traumatisieren.
Medizinisches Personal trägt Verantwortung nicht nur für den Körper, sondern auch für die emotionale Sicherheit der Patientinnen und Patienten.
Wie kommuniziert wird, kann heilen, oder verletzen.
Kommunikation ist ein wesentlicher Teil der Behandlung.
Eine einfühlsame und klare Kommunikation kann das Risiko zusätzlicher Belastungen deutlich verringern.
siehe auch: ➜ Differenzialdiagnostik: Abgrenzung zu psychischen Störungen
Wenn Patientinnen und Patienten verstehen, was los ist, sinkt die Angst. Wenn Ärztinnen und Ärzte verstehen, was los ist, auch.
(nach Prof. Dr. M. Pathie)
5. Schmerz- und Sensibilitätsstörungen
Im Zusammenhang mit Migräne allgemein, somit auch bei der Migräne mit Hirnstammaura, wird häufig über chronische Schmerzen und Sensibilitätsstörungen berichtet.
Dazu gehören:
- Fibromyalgie
- Allodynie / generalisierte Schmerzempfindlichkeit
- vegetative Dysregulation
- Hypersensitivität (sensorisch, emotional)
Diese Muster überschneiden sich mit:
- chronischer Migräne
- ADHS
- Autismus
- Hochsensibilität
- Traumafolgestörungen
Das Zusammenspiel ist komplex, aber real (vgl. z.B. Suzuki et al., 2022; Whealy et al., 2018; Vetri, 2020).

Hinweise zur Einordnung:
Nicht alle dieser Begleiter treten häufig auf. Viele hängen mit hoher neurologischer Belastung oder medizinischen Fehldiagnosen zusammen. Das Auftreten einer Komorbidität ändert nichts daran, dass die Hirnstammaura eine neurologische Erkrankung ist. Psychische Beschwerden sind Folge, nicht Ursache.
siehe auch: ➜ Differenzialdiagnostik: Abgrenzung zu psychischen Störungen
6. Epilepsie (erhöhtes Vorkommen)
Migräne mit Aura (insbesondere Hirnstammaura) geht statistisch häufiger mit Epilepsien einher. Symptome können oberflächlich ähnlich wirken:
- Bewusstseinsstörungen
- motorische Phänomene
- visuelle Symptome
- kurze „Aussetzer“
Aber:
Epileptische Auren breiten sich sehr viel schneller aus als migränöse Auren.
Im Zweifel hilft hier eine genaue Diagnostik mit:
- EEG (Untersuchung zur Aufzeichnung der elektrischen Hirnströme)
- ggf. iktale Perfusionsmessung (Untersuchung der Gehirndurchblutung)
- klinische Beobachtung
Extrem selten kommt die sogenannte Migralepsie (epileptischer Anfall nach Aura) vor.
(Quellen: vgl. Weber u. Zernikow, 2017; Paungarttner et al, 2024)
Navigation: