Jahrzehntelang verfluchte ich meine mittlerweile chronische Migräne (unter anderem mit Hirnstammaura) und beschimpfte sie regelmäßig als Arschloch. Dass ich damit nicht alleine bin, zeigt schon, dass es inzwischen sogar einen ganzen Migräne-Merch-Shop mit diesem Namen gibt: „Migräne: Du Arsch!“ (– Liebe Grüße an Anni, die den Shop erst vor Kurzem ins Leben gerufen hat! :-)).
Das „Arsch-Programm“ lief bei mir in Dauerschleife, bis eine unerwartete Wendung meine Krankheitsbewältigung erdrutschartig veränderte: Während einer Hypnosesitzung in einer Psychotherapie begriff ich, dass die Migräne gar nicht mein Feind ist.
Seitdem erkenne ich sie als Strickmuster meines Gehirns an. Zum Arschloch wird sie nur, wenn das Drumherum (Lebensumstände, Reize, Eindrücke) einen Störfall triggern – und zum Oberarsch, wenn die Hirnstammaura richtig zuschlägt.
Ich stelle mir mein Migräne-Hirn also nicht mehr wie ein böses Etwas vor, das es auszumerzen gilt. Für mich ist es eher wie ein Vollblutpferd: hochleistungsfähig, sensibel, anfällig für jeden kleinen Mist.
Das Problem: Wo jeder dösige Ackergaul gemütlich grasen würde, fängt mein „Fury“* schon an zu vibrieren beim kleinsten Geräusch oder Windhauch. Kommt dann noch eine Kleinigkeit dazu, dreht das Vieh am Rad und rennt los wie von der Tarantel gestochen. Bis es wieder friedlich ist, vergehen ein paar Tage, in denen es völlig erschöpft irgendwo herumlungert – und ich mit ihm.
Ja. So ist er, mein Fury.
Mitgefühl statt Hass
Der alte Hass auf meinen „kaputten Kopf“ verwandelte sich damals langsam in Mitgefühl. Fury kann nichts dafür – und ich auch nicht. Fury kann sich nicht zum lethargischen Hängebauchschwein umoperieren lassen; ich kann ihm nur helfen, indem ich die Reize von innen und außen möglichst im grünen Bereich halte.
Wir sitzen in einem Boot, wissen um des anderen Nöte und können uns doch nicht wirklich helfen. Mehr als eine wohlwollende, friedliche Koexistenz ist nicht drin. Wir kommen klar, auf unsere Art. Wir fristen unser Dasein gemeinsam und leben in dieser kleinen aber feinen Migräne-Zwangsgemeinschaft.
Und selbst wenn Fury rumzickt, kann ich das Tierchen inzwischen als Teil meiner Existenz akzeptieren und dem Rest des Systems Ruhe verordnen. Das hat zwar kaum Einfluss auf Häufigkeit oder Intensität meiner Attacken, aber es hilft mir enorm, mich innerlich gesund von ihnen zu distanzieren, ohne wegzukippen oder zu dissoziieren.
Prof. Göbel aus der Schmerzklinik Kiel sagt ja immer, man müsse sich das Migräne-Gehirn wie einen Sportwagen vorstellen: hochsensibel, schnell, präzise, aber eben auch anfällig. Ich verstehe das Bild, aber mir fehlt da das Lebendige. Ein Ferrari ist ja durchaus hübsch anzusehen, doch am Ende bleibt er ein Stück Technik.
Vielleicht liegt es an mir, aber ich mag’s lieber warmblütig. Aber, wenn man bedenkt, dass auch auf dem Ferrari ein Pferd vorne draufklebt, ist der Unterschied vielleicht gar nicht so groß. Nur dass mein Fury sich nicht gerne in die Garage stellen lässt, sondern frei herumläuft, manchmal bockt, manchmal trabt, manchmal völlig erschöpft im Stroh liegt und manchmal (an guten Tagen) trägt er mich sogar ein Stück in die Richtung, in die ich möchte.
Also, was soll’s? Hauptsache Pferd.
Mit diesem Bild kann ich leben. Und Fury offenbar auch.

– tanja
*Fury (englisch für Wut / Furie) ist der Name des Pferdes aus dem Roman „Fury“ von Albert G. Miller und aus der gleichnamigen US-Fernsehserie aus den späten 1950ern, die in den 70ern/80ern nochmals im Kinderprogramm lief.

