medikamentöse Prophylaxen

Vorbeugende Medikamente zur Attackenreduktion

Die Prophylaxe der Migräne mit Hirnstammaura folgt grundsätzlich den gleichen Prinzipien wie bei anderen Migräneformen. Ziel ist es nicht, einzelne Attacken zu „stoppen“, sondern die Anfallsbereitschaft des Nervensystems langfristig zu senken.

Für die Migräne mit Hirnstammaura (MHA) fehlen allerdings bei vielen Medikamenten spezifische Studien. Vieles wird daher aus der allgemeinen Migräneforschung abgeleitet. Diese Erkenntnisse werden ergänzt um Erfahrungswerte aus der klinischen Praxis.

Als Hauptquellen für die Informationen auf dieser Seite dienen die S1-Leitlinie Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne; Göbel, 2012 und Vélez-Jiménez et al., 2025).

Die hier beschriebenen Maßnahmen sind keine Therapieempfehlungen. Sie ersetzen keine ärztliche Beratung. Jede Behandlung sollte individuell mit medizinischem Fachpersonal abgestimmt werden.

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Wichtig für die langfristige Behandlung

» Jede Prophylaxe braucht Geduld (mind. 6–8 Wochen).
» Nebenwirkungen sollten früh mit den behandelnden Ärzten oder Ärztinnen besprochen werden
» Für die meisten Präparate gilt: Wenn nach 8–12 Wochen keine Wirkung sichtbar ist → wechseln. Bei Gepanten zeigt sich evtl. eine noch längere Responderzeit (bis 9 Monate)
» Eine gute Kommunikation zwischen Betroffenen und Behandlern ist entscheidend.
» Kombinationen können sinnvoll sein (z. B. Lamotrigin + Betablocker).

 

 On-Label, Off-Label und Anlage VI
(Was bedeutet das für die Migräneprophylaxe?)

Nicht alle Medikamente, die medizinisch sinnvoll sein können, sind in Deutschland auch offiziell für Migräne zugelassen (On-Label). Manche werden seit Jahren erfolgreich eingesetzt, haben aber keine Zulassung für diese Indikation (Off-Label). Das ist ein wichtiger Unterschied, der die Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen beeinflusst.

On-Label (zugelassen für Migräneprophylaxe):
Metoprolol, Propranolol, Topiramat, Amitriptylin, Flunarizin, Onabotulinumtoxin A (bei chronischer Migräne), CGRP-Antikörper, Gepante.

Off-Label (wirksam, aber ohne Zulassung für Migräne):
Candesartan, Lisinopril, Telmisartan, Bisoprolol, Venlafaxin, Lamotrigin (v. a. Aura), Gabapentin, Levetiracetam, Acetazolamid.

Bei Off-Label-Medikamenten hängt die Kostenübernahme von der jeweiligen Situation ab – insbesondere davon, ob es eine zugelassene „Hauptindikation“ gibt (z. B. Bluthochdruck bei Candesartan, Depression bei Venlafaxin, Epilepsie bei Lamotrigin).

Medikamentöse Möglichkeiten im Überblick

1. Antidepressiva

(z. B. Amitriptylin, Opipramol)

Diese Mittel wirken schmerzdämpfend, stabilisieren Schlaf und beruhigen das vegetative Nervensystem.

Sie sind geeignet bei:

  • erhöhter Stressbelastung
  • Schlafstörungen
  • starker Anspannung
  • „nervösem Migränehirn“

Für die Migräne mit Hirnstammaura gibt es keine spezifischen Einschränkungen.

Amitriptylin ist gut belegt in der Migräneprophylaxe und wirkt besonders auf Spannung, Schlaf und Schmerzverarbeitung. Da diese Faktoren die Aura-Anfälligkeit beeinflussen können, berichten manche Patienten und Patientinnen von einer indirekten Verbesserung ihrer Aurasymptome.
Direkte Evidenz zur Reduktion von Auren gibt es derzeit nicht.
(vgl. Diener et al., 2018; Göbel, 2012)


2. Antiepileptika

Topiramat

Das zentrale Medikament für die Migräne mit Hirnstammaura. Es gilt als relativ gut untersucht bei „Basilarismigräne“. Die Ergebnisse können problemlos auf die Migräne mit Hirnstammaura übertragen werden.

Topiramat wirkt über:
» Hemmung der neuronalen Übererregbarkeit
» Stabilisierung der Reizweiterleitung

Typische Nebenwirkungen sind:
Appetitmangel, Missempfindungen („Kribbel-Parästhesien“), Konzentrationsschwierigkeiten, Müdigkeit.
In der Schwangerschaft darf Topiramat nicht angewendet werden.

Bei Frauen im gebärfähigen Alter, die Topiramat einnehmen, muss unbedingt auf eine hochwirksame Verhütung geachtet werden, da hormonelle Verhütungsmittel durch Topiramat in ihrer Wirkung beeinträchtigt werden können.

Vorsicht auch bei Nierensteinen. Topiramat kann Nierensteine begünstigen.

Valproinsäure

Valproinsäure gilt grundsätzlich als wirksam, ist aber aufgrund wichtiger Sicherheitsrisiken nur in Ausnahmefällen sinnvoll. Sie gehört ausschließlich in die Hände erfahrener Fachärzte und Fachärztinnen.

Für Migräne ist Valproinsäure weiterhin Off-Label.
Sie ist zwar im G-BA-Anhang VI für die Migräneprophylaxe gelistet, aber derzeit (Stand 2025) nicht praktisch über die gesetzliche Krankenversicherung verordnungsfähig, weil kein Hersteller die notwendige Haftungszustimmung für diese Off-Label-Indikation abgegeben hat.

Valproinsäure ist nicht anwendbar bei Frauen und Mädchen im gebärfähigen Alter.

Ältere Informationsquellen gehen davon aus, dass Valproat im Rahmen der Anlage VI regulär verordnungsfähig sei (daher weicht dieser Abschnitt von den Angaben im Buch „Migräne mit Hirnstammaura“ ab und wird in der der nächsten Auflage angepasst).

Gabapentin

Gabapentin wurde nicht „klassisch“ für die Migräne entwickelt, aber ist erfahrungsgemäß hilfreich bei starker Übererregbarkeit, Schwindelkomponenten oder schmerzbedingter Anspannung.

Lamotrigin

Ein besonders interessanter Off-Label-Wirkstoff für Auraformen – vor allem komplexen Auren wie der Hirnstammaura.

Warum?
Lamotrigin wirkt bei Auraformen häufig besser als bei klassischer Migräne, da es die Ausbreitung der neuronalen Erregungswelle beeinflusst.

Einige Betroffene profitieren deutlich, teils auch in Kombination mit Betablockern.

Wichtig ist eine besonders vorsichtige Aufdosierung.

(vgl. Cologno et al., 2013 und d’Onofrio et al., 2007)

3. Betablocker

(z. B. Metoprolol, Propranolol, Bisoprolol und Nebivolol (Off-Label))

Betablocker wirken über die Senkung der sympathischen Überaktivität („Stresssystem“).
Ihre Wirksamkeit gilt als gut belegt bei Migräne.

Metoprolol und Propranolol sind für Migräne zugelassen (On-Label) . Bisoprolol und Nebivolol werdne hingegen Off-Label eingesetzt, ist aber in der Praxis oft wirksam.

In Deutschland gelten Betablocker generell als sichere Standardtherapie – auch bei Migräne mit Hirnstammaura. Der Einsatz ist vor allem dann sinnvoll, wenn gleichzeitig eine kardiovaskuläre Hauptindikation besteht.

In den USA wurde Propranolol wegen möglicher Einflussnahme auf den zerebralen Blutfluss vorsichtiger eingesetzt.

4. Calciumkanalblocker

Flunarizin

Flunarizin gilt als wirksam insbesondere bei Schwindel und vestibulären Symptomen. Häufige Nebenwirkungen sind Gewichtszunahme und Depression, so dass dieses Medikament nur nach individueller Abwägung eingesetzt werden sollte.

Flunarizin sollte maximal 6-9 Monate eingenommen werden.

Verapamil

Wegen geringer bzw. widersprüchlicher Datenlage wird Verapamil heute in Deutschland nur noch selten verschrieben, gilt aber in einigen internationalen Fachpublikationen als häufig und erfolgreich eingesetztes Off-Label-Prophylaxe-Medikament bei Migräne – vor allem bei komplizierten Aura-Varianten. (vgl. Solomon, 2005)

5. Botulinumtoxin Typ A („Botox“)

„Botox“ ist zugelassen für chronische Migräne, nicht speziell für Hirnstammaura.
Es gibt mehrere Berichte über gute Wirkung. Andere beschreiben keine zufriedenstellende Veränderung.

Da das Vorliegen einer Migräne mit Hirnstammaura in allen großen Botox-Studien Ausschlusskriterium war, ist dieses Verfahren für Betroffene mit Hirnstammaura ein individueller Versuch, nicht Standard.

6. CGRP-Antikörper

z. B. Aimovig®, Ajovy®, Emgality®

CGRP- oder auch „Antikörper-Spritzen“ blockieren das Migräneneuropeptid CGRP oder seinen Rezeptor.

Die Wirksamkeit ist sehr gut belegt für klassische Migräne mit und ohne Aura.

Für die Migräne mit Hirnstammaura gilt:

» keine spezifischen Forschungsdaten vorhanden
» Berichte über starke Besserung
» Berichte über Verstärkung von Schwindel
» insgesamt gut verträglich

Zur Kostenübernahme sind vorher mehrere erfolglose Therapieversuche mit anderen Prophylaxen nötig.

7. Gepante

– Atogepant (tägliche Einnahme)
– Rimegepant (Vydura®) (akut + vorbeugend)

Gepante gelten als neue, gut verträgliche Wirkstoffklasse, die ebenfalls am CGRP-System ansetzt. Für Migräneformen aller Varianten gilt der Wirkstoff als vielversprechend. Spezifische Daten für die Migräne mit Hirnstammaura liegen nicht vor. Es gibt allerdings auch keine Einschränkungen.

Da der Wirkstoff relativ neu auf dem Markt ist, ist das Nebenwirkungsprofil noch nicht abschließend geklärt. Es gibt Hinweise darauf, dass Gepante (wie alle CGRP-wirksame Migränemittel) ein Raynaud-Syndrom auslösen oder verschlimmern können. In den Beipackzetteln wird diese mögliche Nebenwirkung (noch) nicht erwähnt (Stand 11/2025).

Weitere Optionen

Lisinopril, Candesartan

Kleine Studien zeigen Wirksamkeit (bei Candesartan als Off-Label-Versuch) – es liegen jedoch keine spezifischen Daten für die Migräne mit Hirnstammaura vor.

Pestwurzextrakt (Petadolex®)

Pestwurzextrakt ist ein pflanzliches Präparat, das bei manchen wirkt. Es ist keine Übernahme der Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen vorgesehen. Wichtig ist bei einem Einnahmeversuch, nur toxinfreie Standardpräparate zu nutzen. Unbedingt auf seriöse Bezugsquelle achten!

Pizotifen, Methysergid

Heute sind diese beiden Medikamente nicht mehr relevant, da sie nur geringe Wirksamkeit bei relativ häufigen Nebenwirkungen haben.

Was ist die „beste“ Prophylaxe bei Migräne mit Hirnstammaura?

Ein allgemeingültiges „bestes Medikament“ gibt es nicht, aber in Fachpublikationen und klinischen Berichten lassen sich Tendenzen erkennen:

Gut belegt und sinnvoll bei Migräne mit Hirnstammaura:

  • Topiramat
  • Lamotrigin
  • Betablocker
  • evtl. Verapamil

Moderne, gut verträgliche Optionen:

  • CGRP-Antikörper
  • Gepante

Nach individueller Abwägung sinnvoll:

  • Botox
  • Gabapentin

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