Warum ich ein Nasenspray wie Premigran® gegen Migräne NICHT testen werde

Warum ich ein viel beworbenes Nasenspray (wie Premigran) gegen Migräne nicht testen werde und Menschen, die ich mag, rate, erst die Evidenzlage und Transparenz kritisch zu prüfen, bevor sie Geld dafür ausgeben.

Ein Nasenspray als Vorbeugung gegen episodische Migräne (nach telefonischer Auskunft der Produkthotline für alle Varianten – mit oder ohne Aura). Pflanzlich. Natürlich. Ohne starke Nebenwirkungen? Das soll Premigran laut Anbieter sein. Klingt nach Hoffnung in Sprühform. Kostenpunkt 21,90 Euro (regulärer Preis für 1 Sprayfläschchen mit 15ml plus 3,90 Versandkosten). Ein Fläschchen soll für 13 Tage bei empfohlener Dosierung reichen. OK. Das wäre es mir sogar wert, wenn es hilft.

Ich habe mir die Inhaltsstoffe und die Werbung des Anbieters angeschaut und sehr viel recherchiert, um mir am Ende mein persönliches, evidenzbasiertes Urteil zu bilden. Spoiler: Ich werde das Spray nicht mal testweise benutzen.

Und das hat gute Gründe:

1. Weil es für mich keine wissenschaftlich plausible Wirksamkeit gibt

2. Weil das Wirkprinzip nicht zur Migräneentstehung passt

3. Weil ich den Eindruck habe, dass sich die Vermarktung gezielt an Menschen mit hohem Leidensdruck richtet und dabei Erwartungen weckt, die aus meiner Sicht nicht ausreichend belegt sind.

4. Weil ein glycerolbasiertes Nasenspray nicht 21,90 EUR kosten muss

Wer Zeit und Interesse hat, kann hier meine persönliche, evidenzbasierte Einordnung nachvollziehen. Wer nicht: überleg dir einfach gut, was du kaufst ;-).

Disclaimer: Ich bin weder Bio-Chemiker noch Mediziner nur ein schwerstbetroffener Migräne-Patient. Ich nutze als Informationsquellen das, was grundsätzlich jeder nutzen kann: Internetquellen, Packungsbeilagen und ein bisschen KI zum Übersetzen. Seit Jahrzehnten befasse ich mich mit medizinischen Themen – aus Patientensicht und in meiner langjährigen Tätigkeit als medizinjournalistisch arbeitender Autor. Als studierter Soziologe habe ich auch mal was von Studiendesigns gehört. Das zusammen reicht, um mindestens skeptisch zu sein. Der Text stellt meine persönliche Bewertung auf Basis öffentlich zugänglicher Daten dar und ersetzt natürlich keine ärztliche Beratung. Alle der nun folgenden Infos habe ich mit den jeweiligen Quellen hinterlegt. Diese wurden alle zuletzt am 25.01.2026 von mir gecheckt und ggf. die PDFs/Screenshots lokal und die Seiten bei archive.org gespeichert.

Schwarz-weiße Illustration einer ruhigen, nachdenklichen Person mit Brille, die ein Klemmbrett in den Händen hält und ein Nasenspray-Produkt betrachtet. Die Szene symbolisiert eine informierte Kaufentscheidung nach kritischer Prüfung.

1. Medizinprodukt vs. Medikament

Ganz wichtig zu Beginn: Das beworbene Nasenspray gegen Migräne ist ein Medizinprodukt. Medizinprodukte müssen nach EU-Medical Device Regulation (MDR – Verordnung (EU) 2017/745) zwar klinische Evidenz für Sicherheit und Leistung im vorgesehenen Verwendungszweck vorlegen, durchlaufen aber nicht das viel umfangreichere arzneimittelrechtliche Zulassungsverfahren. Bei letzterem dienen klinische Prüfungen dazu, die Wirksamkeit eines Arzneimittels nachzuweisen. Das heißt: Für Medizinprodukte gilt ein anderes Evidenz-Niveau als bei zugelassenen Medikamenten – die Hürden und die Art der klinischen Evidenz sind typischerweise weniger streng als im Arzneimittelrecht.

In der folgenden Tabelle seht ihr in verkürzter Darstellung, welche Unterschiede es zwischen Medikament und Medizinprodukt gibt:

MerkmalMedikament (Arzneimittel)Medizinprodukt
RechtsgrundlageArzneimittelgesetz (AMG) / EU-ArzneimittelrechtEU-MDR (Verordnung (EU) 2017/745)
Zweck der RegulierungNachweis von Qualität, Wirksamkeit und SicherheitNachweis von Sicherheit und Leistung (Performance)
WirksamkeitsnachweisZentraler Bestandteil der Zulassung (klinische Prüfungen erforderlich)Kein arzneimittelrechtlicher Wirksamkeitsnachweis erforderlich; Leistung muss im vorgesehenen Zweck plausibel und klinisch belegt sein
Klinische StudienIn der Regel obligatorisch, randomisiert und kontrolliertNicht immer erforderlich; abhängig von Risikoklasse, Produktart und vorhandener klinischer Evidenz
ZulassungsverfahrenStaatliche Zulassung (z. B. BfArM / EMA)Konformitätsbewertung + CE-Kennzeichnung (über Benannte Stelle oder Eigenverantwortung je nach Klasse)
Rolle des HerstellersNachweisführung gegenüber BehördenHohe Eigenverantwortung bei klinischer Bewertung
Marketing-AussagenStreng reguliert (Heilmittelwerbegesetz)Ebenfalls reguliert, aber größerer Interpretationsspielraum bei Leistungsversprechen
Erwartbare EvidenzMehrere hochwertige klinische Studien (RCTs)Klinische Daten, Literatur, ggf. Studien – Umfang variabel
Vertrauen aus Sicht der LeitlinienHoch, wenn evidenzbasiertMuss kritisch geprüft werden

2. Die Inhaltsstoffe

Laut Anbieter (Apriwell bzw. Apricot Health Gmbh) enthält das Spray: Wasser, Glycerol (9,10 %), Verbindung von Akazien- und Xanthangummi, Migcyanidin: Mischung aus Extrakten aus Silber-Weide, Kurkuma, Weinrebe, Pfefferminze und Mutterkraut; Kaliumsorbat, Natriumbenzoat, Zitronensäure. (Quelle: apriwell.de)

Auf der Produkt-Webseite ist zu lesen, dass „Premigran [… ] natürliche Pflanzenextrakte [enthält] – darunter Kurkuma, Pfefferminze, Traubenkern, Weidenrinde und Mutterkraut. Sie verleihen dem Spray eine angenehm pflanzliche Duftnote und seine leicht goldenen Färbung.“
Und weiter:
„Der zentrale Wirkstoff ist das filmbildende Glycerol – in einer patentierten Zusammensetzung |…] Die enthaltenen Pflanzenextrakte – darunter Mutterkraut – dienen nicht der direkten pharmakologischen Wirkung, sondern unterstützen die Barrierefunktion und antioxidative Stabilität des Sprays. Sie sind also funktionale Begleitstoffe, keine Wirkstoffe im klassischen Sinne.

[…]Deshalb geht es Premigran weder um das Mutterkraut noch die restlichen pflanzlichen Bestandteile: Nicht die Pflanzenstoffe machen die Wirkung aus – sondern die physikalische Wirkung des besonderen Glycerol-Schutzfilms
(Quelle: https://www.apriwell.de/products/premigran-migraene-vorbeugen-auranasenspray?gty=1&sub=0)

Ok, also die „Magie“ ist laut Anbieter das Glycerol – alles andere riecht nur gut oder macht eine hübsche Farbe. Ich frag mich jetzt nur, wann ich die leicht goldene Färbung bewundern soll, wenn ich das doch direkt in die Nase sprühe … Aber allein das Wissen um den güldene Tropfen hilft vielleicht beim Heilen … 😉

Mal im Einzelnen gecheckt:

Das Produkt enthält laut Gebrauchsanweisung (Version: D3-81-01/APRIWELL):

1. Wasser
→ ist der Trägerstoff. Unproblematisch, so lange keine Wasserallergie vorliegt.
Mein Tipp: Bei Migräne besser trinken als in die Nase füllen.

2. Glycerol (9,10 %)
→ ist ein Feuchthaltemittel, das die Schleimhaut geschmeidig machen soll/kann.
Meine Einschätzung: In Nasensprays sinnvoll und okay – pharmakologisch für Migräne aber irrelevant, bzw. nicht nachgewiesen durch UNABHÄNGIGE Studien, die wissenschaftlichen Standards entsprechen (z. B. durch Veröffentlichung in anerkannten, unabhängigen Fachpublikationen wie PubMed und Validierung durch Peer Reviews
(Details dazu unter ↓Punkt 3).

3. Verbindung von Akazien- und Xanthangummi
→ als Verdickungsmittel/Stabilisatoren
Meine Einschätzung: kann helfen, dass der Sprayfilm an der Nasenschleimhaut haftet, aber eine migränetherapeutische Wirkung ist nicht nachgewiesen.

4. „Migcyanidin‘“: Mischung aus Extrakten von …
a) Silber-Weide (Salix alba)
→ Enthält Salicin, ein Vorläufer von Acetylsalicylsäure (ASS)
Meine Einschätzung: in Nasenspray-Form vermutlich viel zu niedrig dosiert, um eine echte Wirkung zu entfalten und die Aufnahme über Nasenschleimhaut ist eher fraglich.
b) Kurkuma (Curcuma longa)
→ Enthält Curcumin, hat leichte entzündungshemmende Eigenschaften (Dosisabhängig)
Meine Einschätzung: die orale Bioverfügbarkeit ist ohnehin schlecht, nasal wohl kaum besser, so dass es hier wohl eher symbolisch enthalten als wirksam ist.
c) Weinrebe (Vitis vinifera)
→ meist geht es um Resveratrol
Meine Einschätzung: antioxidativ, aber kaum relevant für akute Migränebehandlung.
d) Pfefferminze (Mentha piperita)
→ Kühlender Effekt, lokal lindernd.
Meine Einschätzung: kennen wir von Migräne-Roll-ons (zum Auftragen an der Schläfe), aber nasale Wirkung unklar. Es kann aber reizen oder die Schleimhaut leicht betäuben (ich persönlich vertrage das null in der Nase).
e) Mutterkraut (Tanacetum parthenium)
→ wird in entsprechend hoher Dosis traditionell zur Migräneprophylaxe eingesetzt
Meine Einschätzung: eine Wirkung ist oral belegt, aber nasal fraglich. In der vorhandenen Dosis ist es nicht als Wirkstoff zu verstehen (auch laut Anbieter selbst s.o.).

5. Kaliumsorbat, Natriumbenzoat
→ sind Konservierungsmittel, die nötig sind für die Haltbarkeit
Meine Einschätzung: kein medizinischer Nutzen.

6. Zitronensäure
→ ist ein pH-Wert-Stabilisator
Meine Einschätzung: an sich unkritisch, aber evtl. leicht reizend bei empfindlicher Nasenschleimhaut (bei mir persönlich ein No-Go).

Was die Inhaltsstoffe auf den ersten Blick vielleicht können:
Eventuell wird es sich kühlend anfühlen (durch Pfefferminz), vielleicht hat es dadurch einen kleinen Placeboeffekt. Aber eine echte Migränelinderung ist mit diesen Stoffen über die Nasenschleimhaut erst mal nicht plausibel und auch nicht mit hinreichender Evidenz belegt. Über die genauen Mengen der eingerührten Inhaltsstoffe (bis auf Glycerol 9,10%) weiß man nichts.

Mein Eindruck: Es würde mich nicht wundern, wenn man die Inhaltsstoffe – auch wenn sie hier nicht als Wirkstoffe im klassischen Sinne funktionieren sollen – nach ihrem „Ruf“ ausgewählt hat. Sonst hätte man ja einfach Farbstoff xy und Duftstoff 0815 nehmen können. Das ganze wirkt auf Laien also wie ein Medikament mit pflanzlichen Wirkstoffen, auch wenn es keins ist. Dazu wählt man einen Namen, der phonetisch nah an bereits bekannten (nachgewiesen wirksamen) Migränemedikamenten liegt und schon kann’s losgehen mit der Werbung.

Die verspricht uns allerlei … zum Beispiel eine Wirksamkeit, die durch wissenschaftliche Studien belegt ist.

3. Wirksamkeit und Studienlage

MIGSPRAY und/oder Premigran?
Vorab wichtig zu wissen: Die vom Anbieter angeführten Studien beziehen sich namentlich auf ein Produkt namens MIGSPRAY von VITROBIO (Frankreich). Die Autoren, die u. a. die Studien veröffentlich haben, sind die Gründer und aktuellen Firmenchefs von VITROBIO (Ravi Shrivastava und Rémi Shrivastava). (Quelle: https://www.vitrobio.com/about-us)

Letzterer ist auch der President (= „Chef“) von Naturveda, dem „unabhängigen“ Instiut/Labor, dem die statistische Auswertung der Studien übertragen wurde. (Quelle: https://naturveda.fr/en/pages/discover-our-laboratory-naturveda)

Wie und ob VITROBIO und Apriwell (=Apricot Health GmbH) und Premigran zusammenhängen, wird auf der Webseite nicht erwähnt. Genau genommen erfahren wir dort nichts über Premigran aus Berlin (Deutschland), sondern nur über MIGSPRAY aus Issoire (Frankreich) … bis wir die Packungsbeilage von Premigran lesen. Dort finden wir ganz unten folgende Infos:

Hersteller
VITROBIO SAS
ZAC de Lavour
63500 ISSOIRE, France

Vertrieben durch
Apricot Health GmbH
Mehringdamm 57
10961 Berlin
www.apriwell.de
(Quelle: https://cdn.shopify.com/s/files/1/0674/8274/7177/files/Premigran_Gebrauchsanweisung.pdf?v=1750769504)

Ob die beiden Produkte letztlich identisch sind, wissen wir genau genommen auch jetzt noch nicht. Die Inhaltsstoffe sind die gleichen, ob die Zusammensetzung exakt gleich ist, können wir nicht sagen. Was man aber schon weiß: Das original getestete „MIGSPRAY“ gab es bis vor kurzem noch in Deutschland über die „französischen Apotheke“ für „nur“ 14,90 EUR (Quelle: https://www.soin-et-nature.com/de/23631-mig-migrane-vorbeugungsspray-15-ml-pharm-up.html) oder direkt bei NATURVEDA (Frankreich) ebenfalls für 15,- EUR (Quelle: https://naturveda.fr/en/products/migspray-migraine-treatment) [verlink ich absichtlich hier nicht direkt].

Hinweis auf Studien publiziert in „renommierten Fachzeitschriften“?
Gucken wir uns die Studien jetzt trotz der oben genannten Fragwürdigkeiten genauer an. Wir erinnern uns: Das Werbeversprechen lautete: „Durch wissenschaftliche Studien belegt und in renommierten Fachzeitschriften veröffentlicht.“

Die konkrete Aussage auf der Produkt-Webseite ist: „Premigran wurde in drei klinischen Studien mit 478 Teilnehmern getestet, deren Ergebnisse in renommierten Fachzeitschriften, wie ‚Clinical Investigation‘ veröffentlicht wurden.“ (Quelle: https://www.apriwell.de/products/premigran-migraene-vorbeugen-auranasenspray?gty=1&sub=0)

Dazu folgende Anmerkungen:

Publikation in renommierten Fachzeitschriften?
Es wird von mehreren renommierten Fachzeitschriften (Plural) gesprochen. Wir finden aber nur die jeweilige Publikation in Clinical Investigation.

Wie renommiert ist die Fachzeitschrift „Clinical Investigation“?
– Gucken wir mal:
GANZ WICHTIG: Clinical Investigation (ISSN: 2041-6792) ist nicht zu verwechseln mit dem wirklich renommierten Journal of Clinical Investigation (JCI) mit der ISSN 1365-2362! (Die ISSN ist eine eindeutige Kennnummer für Zeitschriften – ähnlich der ISBN bei Büchern).
Clinical Investigation ist über openaccessjournals.com zugänglich. Auffällig ist, dass dort ein kostenpflichtig beschleunigtes Review/Editorial-Verfahren angeboten wird. Das allein beweist nichts, aber zusammen mit den fehlenden und unklaren Qualitätsindikatoren (s.u.) wirkt es auf mich eher wie eine ‘Publikationsplattform’ als wie ein etabliertes medizinisches Journal. D. h. ich halte es zumindest für möglich, dass hier andere Maßstäbe gelten als bei etablierten, indexierten Journals.

Es gibt keinen Hinweis auf einen wissenschaftlich anerkannten Verlag (wie z. B. Wiley, Springer etc.). Es gibt keinen Index-Eintrag bei Web of Science (WoS) (https://www.webofscience.com/wos/) – Freie Suche über https://mjl.clarivate.com/home – eine der wichtigsten internationalen Datenbanken für wissenschaftliche Fachzeitschriften) oder Journal Citation Reports (JCR) (https://clarivate.com/products/journal-citation-reports/ ) – hier wird jährlich der sogenannte offizielle Impact Factor (IF) veröffentlicht.

Der Impact Factor sagt, wie oft Artikel aus einer wissenschaftlichen Zeitschrift durchschnittlich zitiert werden – und zwar bezogen auf die letzten zwei Jahre. Das heißt, er misst, wie sichtbar eine Zeitschrift in der Forschung ist. Nur von WoS indexierte Journale bekommen einen echten JCR-Impact Factor. Wenn eine Zeitschrift nicht in JCR gelistet ist, ist jeder angeblich angegebene „Impact Factor“ kein offizieller Wert, sondern meist eine Eigenangabe – oft ohne belastbare Grundlage. (Was bei OpenAccess dazu über Clinical Investigation steht, ist also auch kein offizieller Impact Factor.)

Nächster Punkt:
Das Peer-Review-Verfahren ist völlig unklar.
Peer Review bedeutet: Eine wissenschaftliche Studie wird normalerweise vor der Veröffentlichung von unabhängigen Fachleuten geprüft, die sich mit dem Thema auskennen („Peers“ = Gleichrangige). Dabei schaut man:

→ Ist die Methode sauber?
→ Sind die Ergebnisse plausibel?
→ Wurden Fehler gemacht oder Daten geschönt?

Nur wenn diese Prüfung bestanden ist, wird die Studie in einer anerkannten, seriösen Fachzeitschrift veröffentlicht und in Datenbanken wie PubMed (s.u.) aufgenommen.
Auf der OpenAccess-Plattform gibt es keine standardisierten Hinweise zu Review-Prozessen, einem fachlich geeigneten „Redaktionsbeirat“ oder „Herausgebergremium“, das anhand von fachlichen Qualitätskriterien über die Veröffentlichung von Beiträgen entscheidet („Editorial-Board“) oder Ethikrichtlinien, wie z. B. COPE oder ICMJE.

Eine COPE-Mitgliedschaft (https://publicationethics.org/) zeigt die ethische Selbstverpflichtung für Verlage und ICMJE (https://www.icmje.org) gilt als medizinischer Goldstandard für Redlichkeit, Transparenz und Autorschaft. Die Zeitschrift Clinical Investigation taucht weder in der Mitgliederliste von COPE noch auf der Mitgliederliste von ICMJE auf (letzte Suchabfrage vom 25.01.2026).

Wie bei vielen OpenAccess-Publishern dieser Art besteht das Risiko geringer Qualitätskontrollen zugunsten hoher Publikationszahlen. Gegen Extra-Geld kann der Veröffentlichungsprozess noch beschleunigt werden, so dass ich von einem potenziellen „Schnellveröffentlichungs-Bias“ ausgehe, d. h. es können mutmaßlich systematisch positiv gefärbte, werbewirksame Ergebnisse bevorzugt veröffentlicht werden, was ein verzerrtes Bild des Forschungsstandes mitsichbringt.

So können beispielsweise auch wissenschaftlich schwache Studien in Umlauf gebracht werden, die von Laien (und leider auch manchen Fachleuten) fälschlicherweise für gleichwertig mit echten Top-Publikationen gehalten werden können. Zur Verdeutlichung: bei seriösen Fachzeitschriften dauert allein der Peer-Review meist 4-12 Wochen, mit anschließendem Überarbeitungsprozess – bei Clinical Investigation liegen mit dem Hinzubuchen des „Fast Editorial Execution and Review Process (FEE-Review Process)“ für einen Aufpreis von 99 US-Dollar zwischen Einreichung und Veröffentlichung nur einige Tage. (Quelle: https://www.openaccessjournals.com/journals/clinical-investigation.html)

Ich vermute, ich bin nicht die einzige, die die wissenschaftliche Seriosität von diesem kostenpflichtigen Schnellverfahren stark in frage stellt … zumindest befinde ich mich in guter Gesellschaft, wie die Instagram-Beiträge zum Thema „massiv beworbenes Nasenspray gegen Migräne“ von Prof. Holle-Lee vom Westdeutschen Kopfschmerzzentrum (Accountname: migraene_doc) zeigen.

PubMed
Als etwas kürzeren Qualitätsüberprüfungsweg für medizinisch relevante Publikationen können wir noch etwas anderes nutzen: Eine kurze Recherche bei PubMed (https://pubmed.ncbi.nim.nih.gov/). Denn (als kurzer Merksatz): Wer vernünftige Studien in vernünftigen Fachblättern veröffentlicht hat, taucht in aller Regel auch in PubMed auf. Das ist eine (nein DIE) riesige, öffentlich zugängliche Datenbank für medizinische und biowissenschaftliche Studien, betrieben von der US National Library of Medicine.

Dort findet man:
→ Veröffentlichte Studien aus Fachzeitschriften
→ Zusammenfassungen (Abstracts) und oft Links zum Volltext
→ Ergebnisse aus Peer-Review-Journals- aber auch Vorabveröffentlichungen oder weniger strenge Quellen

Das bedeutet: PubMed ist für Forschende und Interessierte eine zentrale Anlaufstelle, um seriöse wissenschaftliche Informationen zu finden – frei zugänglich und ohne Werbung.

Und welche Studien findet man dort NICHT? – Richtig: Die MIGSPRAY-Studien. (Letzte Suchabfrage am 25.01.2026)

DOl-Kennung ins Nirvana
Noch etwas ist mir aufgefallen: Wissenschaftliche Artikel haben in der Regel eine DOI-Kennung. Die DOI ist eine eindeutige, dauerhafte Kennung für wissenschaftliche Publikationen (z. B. Studien, Artikel, Reviews). Sie beginnt meist mit „10.“ und führt über Dienste wie doi.org (https://www.doi.org/) direkt zur Originalquelle.

Zum Zeitpunkt meiner Recherche (zuletzt: 27.01.2026) war die angegebene DOI über doi.org/Crossref von mir nicht auffindbar. D. h. weder CrossRef (die Instanz, die DOI-Kennungen vergibt) noch doi.org (die Online-Suchmaschine für DOI-Dokumente) finden zu der von der Apriwell-Werbung genannten DOI (https://doi.org/10.37532/2041-6792.2023.13(1).316-326) zur ersten der angegebenen Studie einen gültigen Eintrag (auch nicht für Varianten, bei denen der Punkt oder die letzten Ziffern gelöscht sind – könnte ja mal ein Leerzeichen fehlen oder zu viel sein). Zu den anderen beiden Studien werden keine DOl-Kennungen genannt. Die einzige angegebene DOI führt zum Zeitpunkt meiner Recherche also ins Leere. Zwar sieht sie aus wie eine echte wissenschaftliche Quelle – doch sie verweist auf keine auffindbare Studie. Möglich, dass es sich um einen Tippfehler handelt – das kann vorkommen, aber es hinterlässt bei mir als interessiertem Verbraucher ein ungutes Gefühl.

4. Die Studien

Der Anbieter fügt 3 klinische Studien als Beleg für die Wirksamkeit an. Das sind im Einzelnen:

Studie 1

„Preventing migraine by reducing nasal surface contaminants & restoring nasal mucosa integrity: Clinical efficacy of anew generation of polymeric osmotic treatment- MIG SPRAY“ (Autoren: R&mi Shrivastava, Sayali Sadgune, Navneet Pathak, Severine Dameron, Stephanie Schiphorst, Ravi Shrivastava) [2023]
(Quelle: https://www.openaccessjournals.com/articles/preventing-migraine-by-reducing-nasal-surfacecontaminants-restoring-nasal-mucosa-integrity-clinical-efficacy-of-a-new-generation-16110.html und https://www.openaccessjournals.com/articles/preventing-migraine-by-reducing-nasal-surfacecontaminants-restoring-nasal-mucosa-integrity-clinical-efficacy-of-a-new-.pdf)

Zusammenfassung der Publikation:
Hintergrund:
Migräne betrifft über 1 Milliarde Menschen weltweit. Aktuelle Medikamente sind oft unzureichend wirksam oder haben Nebenwirkungen. Die Autoren postulieren, dass die Nasenschleimhaut (NM) ein zentraler Ort für Migräneauslöser ist, v. a. durch CGRP und entzündliche Zytokine, die über die Schleimhaut in den Blutkreislauf gelangen.

Ziel der Studie:
Ein neuartiges, mechanisch wirkendes Nasenspray („MIGSPRAY“) soll die Schleimhautbarriere schützen, entzündliche Substanzen kontinuierlich entfernen und damit Migräneanfälle vorbeugen.

Wie sind die Autoren vorgegangen?
Studien-Design: randomisierte, doppelt-blinde, Placebo-kontrollierte Studie (n = 125), 12 Wochen Dauer
Zielgruppe: Menschen mit episodischer Migräne, ICHD-3-Kriterien, Erwachsene 18-55 Jahre
Intervention: 2-3 Sprühstöße pro Nasenloch, 2-3x täglich
Primärer Endpunkt: Veränderung der Migränetage pro Monat (Woche 9-12 vs. Baseline)
Sekundäre Endpunkte: >50 % Reduktion der Migränetage, Bedarf an Akutmedikation, HIT-6, MIDAS

Von den Autoren beschriebene Ergebnisse:
Signifikante Reduktion der Migränetage:
-1,4 Tage im Vergleich zur Ausgangslage, -1,1 Tage im Vergleich zu Placebo;
22 % erreichten >50 % Reduktion der Migränetage (vs. 8% mit Placebo);
HIT-6 sank um 8,3 Punkte (vs. 1,8 mit Placebo);
Keine systemischen Nebenwirkungen; gute Verträglichkeit

Schlussfolgerung der Autoren:
MIGSPRAY sei ein sicheres, nebenwirkungsfreies, mechanisch wirkendes Medizinprodukt, das Migräneanfälle wirksam reduziert und eine bislang ungedeckte therapeutische Lücke schließen kann.

Meine Bewertung/Kritik:
Ok, es wird von einer kontrollierte, doppelblinden Studie mit Placebokontrollgruppe gesprochen. Die Ergebnisse klingen erst mal positiv, aber ich habe ein paar Kritikpunkte:

1. Die vorab postulierte Rolle der Nasenschleimhaut bei systemischen CGRP-Spiegeln ist biologisch nicht ausgeschlossen, aber nicht klar belegt. Die Wirkung könnte auch über lokale Reflexe oder unspezifische Entzündungshemmung laufen – das wissen wir nicht.

2. Die Studie ist klein, komplett vom Hersteller durchgeführt, ohne unabhängige Veröffentlichung. Die Effekte sind vorhanden, aber nicht bahnbrechend. Der Unterschied zu Placebo beträgt im Mittel 1,1 Migränetag pro Monat – das liegt im Bereich klassischer Prophylaktika wie Propranolol. Für viele Betroffene ist das allein nicht bahnbrechend. Vielleicht eher Placebo mit Bonus?

3. Der Einfluss des Placebos ist unklar: Glycerol + Xanthan könnte eine eigene Wirkung haben. Die Placebowahl (leicht osmotisch) ist nicht völlig inert (d.h. man weiß nicht, ob da nicht doch was verwendet wurde, das beeinflussen kann – das könnte den Unterschied verzerren.)

4. Die Studie lief über 12 Wochen. Ob die Wirkung anhält, ob ein Gewöhnungseffekt eintritt oder ob es zu Rebound-Effekten kommt, ist unklar. Langzeitergebnisse liegen nicht vor.

5. Die Studie hat vielleicht Potenzial, aber entspricht (noch) nicht der Stufe-1-Evidenz** nach internationalen Leitlinien. Hierfür müsste sich die Behandlung unter streng kontrollierten Bedingungen mehrfach bewähren, die Ergebnisse müssen zuverlässig, unabhängig überprüft und als wissenschaftlich gesichert gelten.

FAZIT Studie 1:

Die MIG-SPRAY-Studie ist zwar randomisiert und placebokontrolliert, aber:
nicht unabhängig finanziert,
→ nur einmalig durchgeführt, mit vergleichsweise kleinem Umfang
⟹ also keine Stufe-1-Evidenz, sondern eher Stufe 2 bis 3.

Das heißt nicht automatisch, dass das Spray unwirksam ist, aber man kann noch keine endgültige klinische Empfehlung daraus ableiten, wie es Leitlinien mit Stufe-1-Evidenz tun würden.

Studie 2

Studie 2: „Efficacy and Safety of MIGSPRAY for Migraine Prevention in Children and Pregnant Women: A Randomized Double-Blind Trial“ (Autoren: Remi Shrivastava und Severine Dameron) [2024]

(Quelle: https://www.researchgate.net/publication/390360001_Efficacy_and_Safety_of_MIGSPRAY_for_Migraine_Prevention_in_Children_and_Pregnant_Women_A_Randomized_Double-Blind_Trial)

Zusammenfassung der Publikation:
Studiendesign:
Randomisiert, doppelblind, placebo-kontrolliert, Vergleich MIGSPRAY vs. Placebo. Erhoben wurden Daten unter anderem mit dem MIDAS und dem HIT-6-Fragebogen, den wir uns gleich noch mal genauer anschauen.

Teilnehmende:
42 (davon 16 Kinder & 16 Schwangere), von denen 31 die Studie komplett durchzogen.
Darunter: 16 Kinder zwischen 3 und 18 Jahren, 16 Schwangere Frauen (jeweils 8 MIG SPRAY und 8 Placebo).

Dauer: 90 Tage

Primärer Endpunkt: Reduktion der Migränetage
Sekundäre Endpunkte: MIDAS, HIT-6, Nebenwirkungen

Von den Autoren beschriebene Ergebnisse:
Migränetage: Signifikante Reduktion ab Tag 60 (Kinder: p=0.016; Schwangere: p=0.014), stärker bei Tag 90
MIDAS/HIT-6: Signifikante Verbesserung bei Schwangeren; keine relevante Veränderung bei Kindern
Nebenwirkungen: Leichte, nicht schwerwiegende Ereignisse, ähnlich häufig in beiden Gruppen
Verträglichkeit: Gut, kein Studienabbruch durch unerwünschte Nebenwirkungen

Bevor ich da vielleicht inhaltlich in die Tiefen gehe, stelle ich mir kurz was vor:
Das Beantworten oder Ausfüllen der Fragebögen bei 3-6 Jährigen …

(Die folgenden Beispiele sind bewusst überspitzt und dienen ausschließlich der Veranschaulichung, warum standardisierte Erwachsenenfragebögen für sehr junge Kinder methodisch problematisch sind.)

Erst der MIDAS, den der freundliche (fiktive) Studienleiter netterweise vorliest, und beispielhaft die Antworten vom kleinen (fiktiven) Timmi, grade 3 geworden:

  1. An wie vielen Tagen in den letzten drei Monaten sind Sie wegen Kopfschmerzen nicht zur Arbeit gegangen oder haben in der Schule gefehlt? Tage___ Timmi: Schule? Jaaa, ich darf in die Schuuuuleeeee!
  2. An wie vielen Tagen in den letzten drei Monaten war Ihre Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz oder in der Schule um die Hälfte oder mehr eingeschränkt? (Zählen Sie die Tage, die Sie bei Frage 1 angaben, NICHT dazu) Tage___ Timmi: Mama, ich will JETZT in die Schule!
  3. An wie vielen Tagen in den letzten drei Monaten konnten Sie wegen Ihrer Kopfschmerzen keine Hausarbeit verrichten? Tage___ Timmi: Mama, der Mann is‘ komisch!!
  4. An wie vielen Tagen in den letzten drei Monaten war Ihre Leistungsfähigkeit im Haushalt um die Hälfte oder mehr eingeschränkt? (Zählen Sie die Tage, die Sie bei Frage 3 angaben, NICHT dazu) ___ Tage. Timmi: ich KANN zählen … eins drei sieben nulltausend …?!?
  5. An wie vielen Tagen in den letzten drei Monaten haben Sie an familiären, sozialen oder Freizeitaktivitäten wegen Ihrer Kopfschmerzen nicht teilnehmen können? Tag___ Timmi: Mamaaa, ich muss mal!!!

Oder der HIT 6-Fragebogen:
Da können die Kleinen sicher differenziert Auskunft geben:

Abbildung: HIT-6-Fragebogen (Quelle: https://migraene-klinik.de)


Beispielhaft Timmis von ihm selbst ausgefüllter Fragebogen:

Abbildung: Satirische Darstellung, wie ich mir einen von Timmi „ausgefüllten“ HIT-6 Fragebogen vorstelle

OK.

Ich bin ehrlich: Ich stand kurz davor, mir das inhaltlich gar nicht mehr genau anzugucken, denn eine randomisierte Studie mit „3-jährigen Migränepatienten“ nach ICHD-3 zu veröffentlichen, ohne detaillierte methodische Absicherung, ist wissenschaftlich mindestens gewagt … und für mich persönlich nicht ernst zunehmen.

Denn: 3-6-Jährige Migränebetroffene sind extrem selten. Zumindest die, die den ICHD-3 Kriterien für Migräne mit oder ohne Aura entsprechen. Wie will man da die Symptome vernünftig dokumentieren? Ich selber bin höchst wahrscheinlich ein solches Kind gewesen. Bin aber hauptsächlich durch Erbrechen und Bauchmigräne in diesem Alter auffällig geworden. Kopfschmerzen und Aura kamen erst später dazu. Als Migräne erkennt sowas kaum ein Arzt. Und die sollen jetzt in der Studie durch MIDAS und HIT-6 dokumentiert mit Nasenspray „geheilt“ sein?

Leute … bitte … euer Ernst?

Aber, ok, ich bleibe sachlich und interessiert (auch wenn Teile von mir sagen, ich bin bescheuert, wenn ich mir das jetzt ernsthaft weiter angucke, aber ich zieh durch).

Meine Bewertung:
Jetzt mal abgesehen von dem fragwürdigen Verfahren mit den unter 6-Jährigen:
Ok ist: Es wird von einer kontrollierten, doppelblinden Studie mit Placebokontrollgruppe gesprochen.

Die Schwächen:
1. Extrem kleine Fallzahl (n=42, davon 31 mit kompletter Teilnahme):
Die kleine Teilnehmergruppe bietet keine ausreichende Datengrundlage für eine robuste Generalisierbarkeit. Die Subgruppen (z. B. Schwangere: n=15) sind für signifikante Aussagen grenzwertig.

2. Die p-Werte (also der Wert, der angibt, wie wahrscheinlich es ist, dass ein beobachteter Unterschied rein zufällig entstanden ist, wenn es in Wahrheit gar keinen echten Unterschied gibt) sind zwar formal signifikant, aber bei so kleinen Gruppen (nur 7 und 8 Personen) ist jede Statistik extrem anfällig für Zufall, Bias (= „Verfälschung/Verzerrung, die das Ergebnis einer Studie in eine bestimmte Richtung lenkt) oder Placeboeffekte. Ohne andere Variablen, wie Effektgrößen oder Konfidenzintervalle* ist da kein Beweis, sondern bestenfalls ein Hinweis.

3. Kurze Studiendauer (nur 90 Tage): Es liegen keine Daten zur Langzeitwirksamkeit oder möglichen Rebound-Effekten vor (also Effekte, die nach Beendigung der Behandlung die Ausgangssysmptome evtl. sogar verstärken können).

4. Sponsorengeführte Studie: Auftraggeber und „Bezahler“ ist wieder der Hersteller. Das führt zu einem potenziell hohen Bias-Risiko bei Design, Auswertung und Interpretation.

5. Keine unabhängige Drittbegutachtung der Rohdaten: Man hat keinen Zugang zum vollständigen Datensatz für eine Reanalyse oder Verifikation.

FAZIT Studie 2:

Die Studie ist zwar randomisiert und placebokontrolliert, aber:
nicht unabhängig finanziert,
→ nur einmalig durchgeführt,
→ mit vergleichsweise extrem kleinem Umfang

keine Stufe-1-Evidenz, sondern eher Stufe 2 bis 3.

! Bei 3-6-Jährigen ist die Auswertung durch MIDAS und HIT-6 für mich komplett unplausibel. Ich habe erhebliche Zweifel an der generellen Aussagekraft dieser Studie. In jedem Fall kann man daraus keine endgültige klinische Empfehlung ableiten, wie es Leitlinien mit Stufe-1-Evidenz ermöglichen würden.

Studie 3

Studie 3: „Real-World Effectiveness of MIGSPRAY: A Dual-Action Nasal Spray for Migraine Prevention Through Mechanical Barrier and Osmotic Sinus Decongestion (Autoren: Remi Shrivastava, Severine Dameron, Manon D’ALMEIDA)“ [2025]
(Quelle: https://www.openaccessjournals.com/articles/realworld-effectiveness-of-migspray-a-dualactionnasal-spray-for-migraine-prevention-through-mechanical-barrier-and-osmo.pdf)

Zusammenfassung der Publikation:
Studientyp: 3-monatige nicht-randomisierte, unverblindete Beobachtungsstudie mit 322 Patienten (davon 310 mit vollständigen Daten), durchgeführt in Frankreich unter realen Anwendungsbedingungen.

Ergebnisse nach 3 Monaten:
Migränetage: – 1,9 Tage/Monat (von 7,4 auf 5,5; p < 0.001) Schmerzintensität (VAS): – 1,1 Punkte (von 7,1 auf 5,9) Dauer der Migräneattacken: – 1,1 Stunden (von 5,8 auf 4,7) HIT-6: – 8,4 Punkte MIDAS: – 5,3 Punkte Nebenwirkungen: 52 % berichteten leichtes, kurzes Kribbeln in der Nase. 1 Allergiefall.

Meine Bewertung:

Die Studie zeigt moderate Verbesserungen bei Migränewerten – aber ohne Placebo-Kontrollgruppe, mit fragwürdigem Studiendesign und massivem Interessenkonflikt. Für echte Wirksamkeit fehlt mir der Beweis.

Im Detail: Placeboeffekte bei Migräne sind hoch (teilweise >30 %), insbesondere bei Interventionen mit Körperkontakt oder Erwartungshaltung. Es ist unklar, wie viel des gezeigten Effekts tatsächlich durch das untersuchte Produkt verursacht wurde. Sowohl Patienten als auch Studienleitung wussten, dass MIGSPRAY angewendet wird. Das verstärkt den Erwartungseffekt und erschwert objektive Bewertung. Der Hersteller (VITROBIO/Naturveda) ist gleichzeitig Sponsor, Entwickler und in die Auswertung involviert, das ist ein offensichtlicher Interessenskonflikt. Die Statistik wurde laut Autoren „unabhängig durchgeführt“, allerdings ebenfalls im „Naturveda Research Center“, also nicht völlig extern.

Die Datenerhebung erfolgte ausschließlich online und via Selbstauskunft. Tagebuchdaten, HIT-6, MIDAS -alles subjektiv, ohne Verifizierung durch Ärzte oder Kontrolle über zusätzliche Einflussfaktoren, z. B. Wetter, Hormone, Stresslevel, andere Maßnahmen (wie Ernährung).

Die Effektstärke war gering: Eine Reduktion um 1,9 Migränetage/Monat ist statistisch signifikant, aber klinisch moderat, vor allem gemessen am Aufwand (3x täglich Anwendung) und verglichen mit Standardtherapien.

Es fehlen Angaben zur Rekrutierungsmethode: Woher kamen die Patienten? Gab es z. B. Vorselektion besonders motivierter Personen? (→ Stichprobenverzerrung?)

Die Studie bezeichnet sich als „Bestätigung“ einer früheren RCT (= Randomized Controlled Trial, deutsch: randomisierte kontrollierte Studie), nennt diese aber nicht konkret (kein Literaturverweis auf DOl oder Journal) → für mich wenig glaubhaft.

FAZIT Studie 3:

Die angeführte „Real-World-Studie“ ist weder randomisiert noch placebokontrolliert, sondern
→ rein beobachtend,
→ vom Hersteller selbst durchgeführt und finanziert,
→ komplett unverblindet und
→ mit reiner Selbstauskunft (online, ohne ärztliche Begleitung).

keine Stufe-1-Evidenz, sondern eher Stufe 4.

Die Ergebnisse klingen moderat positiv, könnten aber stark durch Erwartungseffekte verzerrt sein. Aus wissenschaftlicher Sicht kann die Studie keine belastbare Evidenz im Sinne internationaler Leitlinien (Stufe 1) liefern. Der Nutzen bleibt ungesichert. Notwendig wäre eine gut konzipierte, multizentrische, doppelt verblindete Studie mit Placebo-Kontrollgruppe um das Spray fundiert zu empfehlen.

Gesamtbeurteilung der Studien

Für alle drei Studien gelten meine Hauptkritikpunkte:

1. Der Auftraggeber und „Bezahler“ ist der Hersteller VITROBIO SAS, der auch das Prüfpräparat zur Verfügung stellte. Die statistische Auswertung wurde „unabhängig“ (so schreibt man im Abstract der Studie) an das Naturveda Research Center (Clermont-Ferrand, Frankreich) ausgelagert. Aber wir wissen: Naturveda gehört auch zu VITROBIO.

2. Wer 9% Glycerol und einen Hauch Kurkuma über die Nase gegen eine neurologische Erkrankung einsetzen will, sollte wenigstens wissen, dass es aus meiner Sicht auch nur eine gute Marketingidee sein könnte. Wenn man bei beginnendem Migränegefühl „etwas tun“ möchte, ohne gleich zu Medikamenten zu greifen, kann ich mir einen psychologisch stabilisierenden Effekt vorstellen – ähnlich wie ein Pfefferminzöl-Roll-on, ein Ritual oder Globuli. Aber es ersetzt meiner Meinung nach kein echtes Migränetherapeutikum oder eine Prophylaxe, wie sie bei chronischer Migräne oder schwereren episodischen Formen mit Aura und/oder hohem Leidensdruck eingesetzt wird.

3. Die Werbeaussage ‘klinisch belegt’ wird durch die angegebenen Studien nach meiner Prüfung nicht überzeugend getragen. Inwieweit die Werbeaussagen hier als irreführend eingeordnet werden könnten, kann ich nicht abschließend beurteilen.

Zur Info: In Deutschland greift bei gesundheitsbezogener Werbung u. a. das Heilmittelwerbegesetz (HWG), das irreführende Werbung verbietet.

5. Kleinigkeiten

Nach dem ganze Studien-Zeugs nur noch Kleinigkeiten, aber ich wollte es noch erwähnt haben:

„Ohne Konservierungsmittel“
Auf der Verpackung und auf der Anbieter-Webseite wird das Spray mit dem Claim ‚Ohne
Konservierungsstoffe‘ beworben. Gleichzeitig werden in der Gebrauchsanweisung/INCI Kaliumsorbat und Natriumbenzoat genannt. Diese Stoffe werden üblicherweise als Konservierungsstoffe eingesetzt. Für mich ist das mindestens erklärungsbedürftig. Warum das rechtlich vielleicht irgendwie durchgeht, ist mir schleierhaft, aber letztlich egal, als (empfindlicher) Verbraucher fühle ich mich getäuscht. Punkt.

Kommentare löschen auf Instagram
Auf Instagram haben bereits auch andere auf die zweifelhafte Seriösität des Produktes hingewiesen und ihrem Ärger direkt in den Kommentaren zum Beitrag des Anbieters Luft gemacht (z. B. Anni von migraene_du.arsch, hallodisqueen, nicoladahm u.a.). Auch von gelöschten Kommentaren ist die Rede. Ich kann das nicht unabhängig verifizieren; ich erwähne es trotzdem, weil es mein persönliches Transparenzgefühl auf eine harte Probe stellt.

SocialMedia Anzeigen von „Zeitschrift der Gesundheit“
Momentan häufen sich Anzeigen in den sozialen Medien, die einen Artikel der „Zeitschrift der Gesundheit“ verbreiten. Dort wird als Ergebnis neuer Migräne-Forschung das Nasenspray als „Durchbruch in der Migränebehandlung“ bezeichnet (Quelle).

Auffällig ist, dass laut Impressum die Webseite von der Apricot Health GmbH betrieben wird. Dasselbe Unternehmen wird in der Gebrauchsanweisung als Vertriebspartner des Produkts genannt (s.o.) und ist zudem als Seitenbetreiberin im Impressum, in den AGB und der Datenschutzerklärung der Produkt-Bestellseite auf www.apriwell.de aufgeführt.

Zur genannten Autorin („Wissens-Redakteurin“) konnte ich außerhalb dieser Seite keine belastbaren öffentlich zugänglichen Informationen finden. Auch die zitierte Apothekerin aus Hamburg ließ sich für mich nicht eindeutig öffentlich verifizieren.

Das muss für sich genommen nichts heißen, verstärkt bei mir aber nicht den Eindruck einer unabhängigen, journalistischen Fachpublikation. Das Impressum wirkt auf mich ungewöhnlich knapp und schwer nachvollziehbar für eine seriöse fachjournalistische Publikation.

Auffällig ist zudem, dass auf allen von der Startseite aus erreichbaren Artikeln ein Button angezeigt wird, der eine identische Anzahl positiver Bewertungen („8.299“) anzeigt. Nach einem Klick erhöht sich der Zähler lokal um eins – auf jeder Unterseite. Und wenn man noch mal draufklickt, zählt er wieder runter. (Für Nerds gibt es unten einen kleinen programmiertechnischen Deep Dive dazu***↓).

Bemerkenswert ist zudem, dass das Mittel auf der Bestellseite des Anbieters als „Apotheken-Empfehlung“ beworben wird. Meine Apotheke vor Ort führt das Produkt jedoch nicht im Sortiment und hat es mir auch nicht empfohlen; es sei lediglich als Bestellware über einen einzelnen Händler erhältlich.

MigSpray auf Amazon Indien
Übrigens: Ein MigSpray vom Hersteller YACCA Lifesciences Pvt. Ltd (Indien) gibt’s grade (25.01.2026) im Sonderangebot bei Amazon Indien. Geworben wird mit den gleichen Studien, den gleichen Bildern und den gleichen Claims, so dass es sich mutmaßlich um das gleiche Produkt wie „unser“ Premigran/MIGSPRAY handelt. Wer sich da mal einen eigenen Eindruck von den Rezensionen verschaffen möchte (gerne die 21% 1-Sterne-Bewertungen lesen): Hier ist der Link … https://amzn.in/d/cqTZ0uG

6. Abschließende Bewertung

MEINE persönliche Einschätzung:

Premigran: Klingt wie ein Migräne-Medikament. Ist aber keins.

Nicht alles, was sich pharmazeutisch anhört, wirkt auch so.

Die Plausibilität des Wirkmechanismus ist nicht belegt. Das Spray, das in den angeführten Studien untersucht wurde, wirkt laut Anbieter mechanisch (Barriere + osmotische Wirkung). Die Idee, dass eine Blockade von trigeminalen Triggern über die Nasenschleimhaut (z. B. CGRP, NO, Umweltreize) zur Migränereduktion führt, ist zwar theoretisch interessant, aber biologisch nicht eindeutig belegt, da die nasale Absorption bei systemischer CGRP-Freisetzung kaum eine Rolle spielt. Die postulierte Drainage von CGRP „aus dem Schleimhautgewebe“ erscheint mechanistisch fraglich (wie soll das gehen?). Es gibt keine experimentellen Daten zu dieser Wirkungskette im Menschen.

Auch führende Migränespezialisten (Prof. Holle-Lee/migraene_doc) zweifeln die beschriebenen Wirkweise und die Quellen an.

Ich kann mir vorstellen, dass die Wirkung ähnlich wie ein Pfefferminzöl-Roll-on, ein Ritual oder Globuli funktioniert. Aber das beworbene Spray (egal wie es letztlich heißt) ersetzt meiner Meinung nach kein echtes Migränetherapeutikum oder eine Prophylaxe, wie sie bei chronischer Migräne oder schwereren episodischen Formen mit Aura (vor allem nicht bei Hirnstammaura) und/oder hohem Leidensdruck eingesetzt wird.

Mich persönlich überzeugen die Studien und die Publikationen aus o.g. Gründen NICHT.

Dennoch ein kleiner Praxistipp: Wenn ich versuchsweise meine Nase mit Glycerol und ähnlichen Inhaltsstoffen versorgen möchte, geht das deutlich günstiger – z. B. mit einem Allergenblocker-Nasenspray aus dem Drogeriemarkt: Dort finden sich ebenfalls Produkte mit den Inhaltsstoffen: Glycerol, Gummi Arabicum, Xanthan, Wasser, Pflanzenextrakte (Grüntee, Kurkuma, Ginseng und Brennnessel), Zitronenöl, Natriumbenzoat, Kaliumsorbat, Zitronensäure. 15 ml für 5,95 EUR.

An dieser Stelle noch der Hinweis: Wenn jemand das beworbene Migräne-Nasenspray kaufen und nehmen möchte: ok. Wenn es jemandem hilft: SUPER! Ich freu mich total. ABER: Hinterfragt Werbeaussagen von „neuen, ganz tollen Migräne-Mitteln“ immer sehr kritisch.

MEINE Entscheidung zu dem Mittel:
ICH kaufe es nicht. Oder wie meine Omma gesagt hätte:
„Könn‘ se selber kaufen.“

Ein letzter Hinweis: Alle Bewertungen sind meine persönliche Einschätzung auf Basis der oben verlinkten Quellen. Der Text wurde sorgfältig geprüft und bewusst differenziert formuliert. Bei Fehlern oder neuen Erkenntnissen wird er selbstverständlich entsprechend angepasst.

– tanja


* Effektgröße (Effect Size) = Die Effektgröße sagt, wie stark eine Wirkung wirklich ist. Wie viele Migränetage pro Monat beispielweise weniger nach einer Behandlung auftreten. Sie zeigt nicht nur, ob etwas wirkt, sondern wie viel es bringt.
Konfidenzintervall (Confidence Interval) = der Bereich, in dem der wahre Effekt mit hoher
Wahrscheinlichkeit liegt. Beispiel: „Wir sind zu 95 % sicher, dass die Wirkung zwischen 1 und 4 Tagen liegt.“ Es zeigt, wie genau und verlässlich die Schätzung ist, nicht einfach nur den Mittelwert.

** Evidenz-Stufen – was bedeutet „Stufe-1-Evidenz“? -> Wenn eine Studie Stufe-1-Evidenz liefert, bedeutet das: Sie hat die höchste wissenschaftliche Aussagekraft, meist, weil sie gut geplant, unabhängig durchgeführt und kontrolliert ist. Solche Studien haben das geringste Risiko, durch Zufall, Erwartung oder methodische Fehler verfälscht zu sein.
Die wichtigsten Stufen nach internationalem Standard sind (vereinfacht dargestellt):

Stufe 1:
→ Randomisierte, kontrollierte Studien (RCTs) mit hoher Qualität
→ Systematische Übersichtsarbeiten (Meta-Analysen) aus mehreren hochwertigen RCTs
(Goldstandard der Forschung)

Stufe 2:
→ Einzelne RCTs mit Schwächen (z. B. kleine Fallzahl, unklare Verblindung)
→ Gut gemachte nicht-randomisierte Studien

Stufe 3:
→ Beobachtungsstudien, Kohortenstudien, Fall-Kontroll-Studien
→ Teils statistisch ausgewertet, aber ohne Randomisierung oder Kontrolle

Stufe 4:
→ Unkontrollierte Beobachtungsstudien, Fallberichte, Expertenmeinungen
→ Eher als Anregung oder Hypothese, nicht als Beweis

*** Deep Dive für Nerds (Quelltext-Check: „Letzte Aktualisierung“ & „Likes“ auf zeitschrift-der-gesundheit.de) [Stand: 26.01.2026]

Im Seitenquelltext der „Zeitschrift der Gesundheit“-Unterseite steht die Angabe „Letzte Aktualisierung: vor 4 Std.“ als ganz normaler Text im ausgelieferten HTML (neben dem Datum „02.11.2025“). In dem von mir geprüften Code ist kein sichtbarer JavaScript-Mechanismus erkennbar, der diese „vor X Stunden“-Formulierung automatisch aus einer echten Änderungszeit berechnet oder regelmäßig aktualisiert (keine Date-Diff-Berechnung, kein Timer, kein API-Call). Die Formulierung wirkt daher eher wie ein redaktioneller Claim als wie eine technisch dynamische Zeitangabe. (Das kann natürlich trotzdem korrekt sein, aber aus dem Quelltext <div class=“body-text s16 c-t-grey-800″> 02.11.2025<br/>Letzte Aktualisierung: vor 4 Std.</div> ergibt sich für mich keine nachvollziehbare Automatik, die das zuverlässig „live“ berechnet.) Im Header ist zu lesen: <!– Last Published: Thu Jan 15 2026 14:30:00 GMT+0000 –>

Zusätzlich fällt die „Like“-Zahl auf (z. B. „8.299“): Die Zählung wird im Browser per JavaScript lokal verändert und dabei in localStorage gespeichert. Das heißt: Der Counter kann sich pro Gerät/Nutzer verändern (hoch/runter per Klick), ohne dass im sichtbaren Code ein serverseitiges, öffentlich nachvollziehbares Gesamtsystem für echte Nutzerbewertungen erkennbar wäre. Kurz: Aus technischer Sicht sieht das eher nach einer lokalen Anzeige/Interaktionsgrafik aus, nicht nach einer verifizierten Gesamtzahl „echter“ Bewertungen, die Klicks serverseitig auswertet.