Warum Migräne mit Hirnstammaura nicht „psychisch“ ist
Migräne mit Hirnstammaura kann Symptome auslösen, die auf den ersten Blick psychischen Beschwerden ähneln: etwa Panik, Benommenheit, Verwirrtheit, Sprachblockaden oder veränderte Wahrnehmung. Diese Überlappung führt immer wieder dazu, dass Betroffene vorschnell als „psychosomatisch“ eingestuft werden – dies gilt im Besonderen für Mädchen und Frauen. Tatsächlich handelt es sich jedoch um neurologische Aurasymptome, die im Hirnstamm entstehen und einem sehr typischen Muster folgen.
Die Symptomatik der Hirnstammaura lässt sich medizinisch klar beschreiben:
- Sie beginnt mit kurzer „Vorlaufzeit“, baut sich innerhalb von Minuten auf und klingt innerhalb von 5–60 Minuten wieder ab (jedes Symptom für sich genommen – das Aurageschehen, kann insgesamt länger dauern).
- Mehrere Hirnstammfunktionen können gleichzeitig betroffen sein (Sprache, Koordination, Hören, Bewusstsein, Sehen).
- Einige Symptome sind objektivierbar: Gangunsicherheit, Ataxie, ggf. Nystagmus, Dysarthrie oder Doppelbilder sind klinisch erkennbar.
- Sie treten unabhängig von psychischen Auslösesituationen auf.
- Sie verschwinden vollständig.
- Alle Bemühungen einer „Fokusumlenkung“ scheitern.
Psychische Erkrankungen haben eine andere Verlaufsform, andere Trigger und andere diagnostische Kriterien. Die Verwechslung entsteht häufig nur deshalb, weil Hirnstammauren selten und vielen Behandlern kaum vertraut sind.
Was während einer Hirnstammaura „on top“ passieren kann – ohne Ursache zu sein
Eine Hirnstammaura löst eine ganze Kaskade körperlicher Reaktionen aus. Viele davon wirken dramatisch, sind aber Folgen der Attacke – nicht ihre Ursache.
Typische reaktive Begleiterscheinungen:
- Blutdruckanstieg oder -abfall
(Stressreaktion des autonomen Nervensystems, nicht der Auslöser der Aura) - Tachykardie
- Hyperventilation oder veränderte Atmung
(häufig unbewusste Reaktion auf Schwindel oder Benommenheit) - Weinen, Zittern, emotionale Überflutung
(Durch die massive Sinnesüberforderung und das Gefühl des Kontrollverlusts) - Panik oder Panikattacken (s.u.)
(nicht die Ursache der Symptome, sondern eine verständliche Stressreaktion auf ein neurologisches Ereignis, das Todesangst auslösen kann, selbst wenn die Erkrankung bekannt ist. Es tritt selbst bei langjährig Betroffenen nicht unbedingt ein Gewöhnungseffekt ein!)
Wichtig:
Diese Reaktionen verändern nicht die Diagnose.
Sie sind sekundär, d. h. eine Folge des Ausnahmemoments, nicht der Grund, warum die neurologischen Symptome entstehen. Die Hirnstammaura selbst beginnt im Gehirn, nicht im Herz-Kreislauf- oder Atemsystem und nicht in der Psyche.

Warum der Irrtum entsteht:
In Notaufnahmen werden seltene neurologische Krankheitsbilder oft nicht erkannt. Die dramatische Symptomatik führt dann schnell zur Annahme einer Angststörung, Panikattacke oder „psychosomatischen Episode“. Eine saubere Anamnese und Kenntnis der Migräne-Unterformen verhindert Fehldiagnosen.
Warum Fehldiagnosen traumatisierend wirken können
Wenn neurologische Symptome nicht erkannt werden und Betroffene stattdessen hören:
„Da ist nichts.“
„Das ist nur die Psyche.“
„Sie steigern sich da rein.“
„Sie brauchen Therapie, keinen Arzt.“
…dann ist das nicht nur falsch, sondern kann massiv verletzen.
Reden Sie mal vernünftig mit mir!
Ärztin in der Notaufnahme zu einer Patientin mit Sprachstörungen während einer Hirnstammaura
Für Menschen mit Hirnstammaura bedeutet das:
- Sie erleben dramatische Symptome.
- Sie brauchen medizinische Sicherheit.
- Und sie werden im schlimmsten Moment nicht ernst genommen.
Dieses Zusammenspiel von Kontrollverlust + körperlichem Ausnahmezustand + fehlender Validierung kann selbst traumatisierend sein.
Medical Gaslighting und seine Folgen
„Medical Gaslighting“ beschreibt das systematische Abwerten, Überhören oder Umdeuten körperlicher Beschwerden. Bei seltenen neurologischen Erkrankungen, wie der Migräne mit Hirnstammaura, kommt das leider häufig vor, wie Betroffene berichten.
Mögliche Folgen sind:
» Anhaltende Angst vor medizinischen Situationen
» Vermeidung von Untersuchungen
» Gefühl von Hilflosigkeit oder Scham
» Vertrauensverlust
» Wiedererleben („Flashbacks“) früherer Notfallsituationen
» Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) oder komplexen PTBS
Warum die Unterscheidung so wichtig ist
Nur wenn die neurologische Basis korrekt erkannt wird, können Betroffene:
» echte Sicherheit gewinnen
» angemessene Behandlung erhalten
» Trigger besser einschätzen
» und psychische Folgen (z. B. Angst, PTBS) bearbeiten, ohne sich selbst in Frage zu stellen.

Eine psychische Reaktion auf Fehldiagnosen macht die ursprüngliche neurologische Ursache nicht psychisch. Beides kann nebeneinander existieren: Eine echte Hirnstammaura + eine echte Traumafolgestörung, die unmittelbar damit zusammenhängt.
Differenzialdiagnostik: Panikattacke vs. Hirnstammaura (gemäß ICD/DSM)
Panikattacke – Kernmerkmale:
Plötzlicher Beginn starker Angst oder eines intensiven Unbehagens
- Erreicht innerhalb weniger Minuten einen Höhepunkt
- Typische Symptome: Herzrasen, Atemnot/Hyperventilation, Engegefühl, Schwitzen, Tremor, Hitze/Kälte, Benommenheit, Derealisation/Depersonalisation
- Subjektive Kontrolle bleibt meist erhalten
- Dauer: typischerweise 10–30 Minuten
Wesentliche Abgrenzung zur Hirnstammaura:
- Kein neurologisches Herdmuster
(keine Ataxie, kein Nystagmus, keine fokalen Ausfälle, keine Doppelbilder) - Keine typischen Abfolgen von Aura-ähnlichen Symptomen
- Keine Sinneskanal-Überlappung (Sprache, Gleichgewicht, Sehen, Hören gleichzeitig)
- Kein natürlicher 5–60-Minuten-Verlauf wie bei Aura
- Keine vollständige Rückbildung aller Symptome innerhalb einer Aura-typischen Zeit
Angststörung – relevante Abgrenzungsmerkmale
Eine Angststörung zeichnet sich aus durch:
- Anhaltende, situationsabhängige oder situationsunabhängige Angst
- Erwartungsangst, Grübeln, Vermeidung
- Vegetative Symptome (Schwitzen, Herzklopfen, Unruhe)
- Keine neurologisch erklärbaren Ausfälle
- Kein episodisches 5–60-Minuten-Aura-Muster
(➜ Quellen: Klassifikationen siehe Quellenverzeichnis)
Wichtig für die Diagnostik:
» Angst kann als Reaktion auf eine Hirnstammaura auftreten.
» Angst ist damit Konsequenz, nicht Ursache der neurologischen Symptomatik.
» Eine komorbide Angststörung schließt eine Migräne mit Hirnstammaura nicht aus.

Merksätze für die klinische Praxis
„Wenn Ataxie, Nystagmus, Sprachstörungen oder Doppelbilder auftreten, ist die Diagnose Panikattacke nicht haltbar bis das neurologische Ereignis ausgeschlossen ist.“
und
„Psychisch ist nicht gleich psychogen.“
➜ weitere Hinweise zur Diagnostik für Fachleute