Selbsttest Erläuterungen

Sie haben den ➜ Selbsttest für Fachleute absolviert und möchten die Hintergründe zu den richtigen und falschen Antworten kennenlernen?
Dann finden Sie hier eine kompakte Einordnung.

Der Test umfasst 10 Fragen zur Migräne mit Hirnstammaura (MHA) und orientiert sich an ICHD-3-Kriterien, Leitlinien, Fachpublikationen und Erfahrungen aus dem klinischen Alltag.

Frage 1: Wie viele Menschen sind in Deutschland betroffen?

a) Unter 10.000
b) Geschätzt 0,04% der Allgemeinbevölkerung ✔️
c) > 100.000

Erläuterung:
Die Migräne mit Hirnstammaura gilt als sehr selten. Auf Basis dänischer Bevölkerungsdaten und internationaler Schätzungen könnte sie bei etwa 0,04 % der Allgemeinbevölkerung vorkommen. Hochgerechnet wären das für Deutschland über 30.000 Betroffene. Exakte Zahlen fehlen, weil die Diagnose häufig übersehen oder anderen Migräneformen zugeordnet wird.

Quelle: Yamani N., Chalmer M. A. , Olesen J. (2019). Migraine with brainstem aura: defining the core syndrome, Brain, Volume 142, Issue 12, December 2019, Pages 3868–3875, https://doi.org/10.1093/brain/awz338 (zuletzt abgerufen: 20.11.2025)

Frage 2: Welche Kopfschmerzart tritt neben den klassisch einseitigen Migränekopfschmerzen bei der MHA häufig auf?

a) brennender Schmerz in der Stirnregion
b) drückender Schmerz okzipital betont✔️
c) blitzartig einschießender Schmerzen über den Augen
d) punktueller Schläfenschmerz

Erläuterung:
In klinischen Serien zur Migräne mit Hirnstammaura wird eine okzipitale Kopfschmerzlokalisation häufiger beschrieben als bei typischer Migräne mit Aura. Viele Betroffene schildern diesen Schmerz dort als Druck oder Pochen – häufig beidseitig.

(Quelle: Bigal M, Welsh KMA (2006). Basilar migraines and retinal migraines. In: Olesen J, Goadsby PJ, Ramadan NM, Tfelt-Hansen P, Hrsg. The Headaches. 3. Aufl. Philadelphia: Lippincott Williams & Wilkins; 2006:589–593.)

Frage 3: Welche Bildgebung kann die Diagnose bestätigen?

a) MRT
b) CT Angiografie
c) Sonographie
d) keine✔️

Erläuterung:
Die Diagnose Migräne mit Hirnstammaura ist eine klinische Diagnose. Weder MRT noch CT-Angiografie noch Sonographie können sie bestätigen, weil bei dieser Migräneform keine strukturellen Veränderungen nachweisbar sind. Bildgebung wird nur eingesetzt, um andere Ursachen auszuschließen, nicht, um die Migräne selbst zu beweisen.

Eine besonders wichtige internationale Quelle für die Frage, wann Bildgebung empfohlen wird, ist das European Headache Federation (EHF) Consensus Paper zu technischen Untersuchungen bei primären Kopfschmerzen (2016). (https://thejournalofheadacheandpain.biomedcentral.com/counter/pdf/10.1186/s10194-016-0596-y.pdf)

Frage 4: Was ist in Verbindung mit MHA als Komplikation dokumentiert?

a) Schizophrenie
b) Locked-in-Syndrom (reversibel)✔️
c) Aortendissektion
d) migranöser Infarkt✔️
e) prolongierte Aura✔️
f) Epilepsie

Erläuterung:
Neben dem (seltenen) migranösen Infarkt und der prolongierten Aura ist in der Literatur auch ein vorübergehendes Locked-in-Syndrom im Rahmen von basilaren Migräneattacken dokumentiert: Der klassische Fallbericht stammt von Sulkava & Kovanen (1983), die eine reversible Locked-in-Episode während einer basilar artery migraine beschrieben. Die Symptome bildeten sich vollständig zurück. (Quelle: Sulkava,R. und Kovanen, J. (1983). Locked-in Syndrome with Rapid Recovery: a Manifestation of Basilar Artery Migraine? in Headache. 1983;23(5):238-240. online: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/6629768/ (zuletzt abgerufen: 18.11.2025)).

Dieses Phänomen gilt als extrem selten, ist aber klinisch relevant.

Weder die ICD-10 noch die ICD-11 enthalten Angaben dazu, wie lange die Symptome eines Locked-in-Syndroms anhalten müssen. Die Klassifikationen beschreiben den Zustand hauptsächlich über typische Merkmale (Tetraparese, vertikale Augenbewegungen, erhaltenes Bewusstsein), die in der Praxis meist dauerhaft gesehen werden. Reversible oder episodische Verläufe werden dadurch nicht ausgeschlossen, gelten aber als ungewöhnlich.
(siehe dazu auch Schnetzer L, McCoy M, Bergmann J, Kunz A, Leis S, Trinka E. (2023). Locked-in syndrome revisited. Therapeutic Advances in Neurological Disorders. 2023;16. doi:10.1177/17562864231160873 – https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/17562864231160873)

In mehreren dokumentierten Kasuistiken (einschließlich der im Buch „Migräne mit Hirnstammaura“ (Götten 2025) beschriebenen Beispiele sowie des bekannten Sulkava-Falls s.o.) erfüllen die Betroffenen die diagnostischen Kriterien, obwohl die Symptomatik vollständig rückläufig war.

Wichtig: Abgrenzung!
Locked-in durch Migräne = reversibel
Locked-in durch Schlaganfall = anhaltend / dauerhaft

D.h. ein reversibles Locked-in-Syndrom kann im Rahmen einer MHA auftreten, ohne strukturelle Schäden zu hinterlassen.

Merksatz für die Praxis: „Seltenheit ist keine Ausschlussdiagnose.“

Epilepsien treten bei MHA überzufällig häufig auf, gelten jedoch als Komorbidität, nicht als Komplikation.

(Quelle: Paungarttner, J., Quartana, M., Patti, L. et al. (2024). Migraine – a borderland disease to epilepsy: near it but not of it. J Headache Pain 25, 11 (2024). https://doi.org/10.1186/s10194-024-01719-0)

Frage 5: Nystagmus ist ein hinreichendes Diagnosekriterium für MHA.

a) stimmt
b) stimmt nicht✔️

Erläuterung:
Nystagmus gehört nicht zu den Diagnosekriterien der MHA. Er kann während einer Hirnstammaura vorkommen, ist aber weder notwendig noch beweisend. Die Diagnose stützt sich ausschließlich auf die ICHD-3-Aurasymptome – nicht auf Augenbewegungen.

(Internationalen Klassifikation von Kopfschmerzerkrankungen (ICHD-3) der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft / International Headache Society (IHS) -3. Auflage: https://ichd-3.org/de/1-migrane/1-2-migraene-mit-aura/1-2-2-migraene-mit-hirnstammaura/)

Frage 6: Welche psychischen Folgen und Komorbiditäten treten relativ häufig auf?

a) schizoaffektive Störung
b) Angststörung✔️
c) Depression✔️
d) PTBS✔️

e) Cluster-B Persönlichkeitsstörungen
f) Wernicke Aphasie

Erläuterung:
Angststörungen und Depressionen treten bei Migräne (besonders bei Migräne mit Aura) überdurchschnittlich häufig auf und gelten als etablierte Komorbiditäten.
PTBS ist keine klassische Migränekomorbidität, kann aber bei schweren Hirnstammauren oder iatrogenen Belastungen real auftreten. Betroffene berichten wiederholt von traumatischen Erlebnissen (Todesangst, Kontrollverlust, Fehldiagnosen, fehlende Hilfe), und diese können eine PTBS oder komplexe Traumafolgestörung auslösen.
Die übrigen Antworten haben keinen belegten Zusammenhang mit MHA.

Quellen:
Association of Migraine Disorders: Migraine and Post Traumatic Stress Disorder. https://www.migrainedisorders.org/migraine-and-post-traumatic-stress-disorder/ (24.11.2025)

Schwedt TJ. (2013). Comorbidities of migraine. Current Opinion in Neurology, 26(3), 248–253.

Seng EK, Buse DC, et al. (2017). Post-traumatic stress disorder and migraine: Epidemiology, mechanisms, and treatment. Current Pain and Headache Reports, 21(6).

Frage 7: Welche Medikamente sind gemäß aktueller Fachinformationen bei MHA nicht kontraindiziert?

a) Gepante✔️
b) Triptane
c) NSAR✔️
d) CGRP-Antikörper✔️
e) Ditane✔️
f) ASS✔️
g) Ergotamine
h) Metamizol✔️

Erläuterungen:
Für MHA werden Triptane und Ergotamine traditionell als kontraindiziert angesehen. Bei Ditanen (z. B. Lasmiditan) gibt es bislang keine durchgängige Fachinformation, die diese Form ausdrücklich ausschließt, dennoch sollte die Anwendung bei MHA nur nach individueller Risiko-Nutzen-Abwägung erfolgen.

Triptane sind laut Fachinformation der Hersteller weiterhin kontraindiziert. Einige Mediziner und Medizinerinnen verschreiben ihren Patienten diese Substanzklasse dennoch. Prof. Göbel (Schmerzklinik Kiel) sagte 2018 in einer E-Mail zu diesem Thema: „Sumatriptan ist nicht zur Anwendung bei […] Basilar […] Migräne angezeigt. Wer es dennoch macht, fährt wie mit einem Auto ohne TÜV.“

Kleinere Studien konnten tatsächlich keine Probleme mit Triptanen bei MHA finden. (vgl. Klapper J, Mathew N, Nett R. (2001). Triptans in the treatment of basilar migraine and migraine with prolonged aura. Headache. 2001 Nov-Dec;41(10):981-4. doi: 10.1046/j.1526-4610.2001.01192.x. PMID: 11903526 – https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/11903526/.) und Mathew PG, Krel R, Buddhdev B, Ansari H, Joshi SG, Spinner WD, Klein BC. (2016). A retrospective analysis of triptan and DHE use for basilar and hemiplegic migraine. Headache. 2016;56(5):841–848. doi:10.1111/head.12804. – https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27062528/).

Aus Sicht der meisten Betroffenen bleibt die Unsicherheit, da das Risiko für schwerwiegende Nebenwirkungen ausschließlich zu ihren Lasten geht.

Frage 8: Welche Akutmedikation ist bei MHA nachweislich zuverlässig wirksam?

a) Lorazepam
b) NSAR
c) Prednisolon i.V.
d) Magnesium
e) keine✔️

Für die Akuttherapie der Migräne mit Hirnstammaura gibt es keine nachweislich zuverlässige, evidenzbasierte Medikation. NSAR können im Einzelfall wirken, tun es aber nicht konsistent.
Lorazepam beruhigt, hat aber keine anti-migränöse Wirkung. Prednisolon i. v. ist nicht belegt. Magnesium wird häufig als Akutversuch eingesetzt, es gibt jedoch auch hierbei keine verlässliche Evidenz für eine sichere Wirkung bei MHA. Einige Betroffene berichten von einer Verkürzung oder Kupierung einzelner Attacken. Die Datenlage zeigt: Es gibt keine spezifische, verlässlich wirksame Akutmedikation für die Aura-Phase der MHA.

Frage 9: Welche Aussagen stimmen in Bezug auf die Prophylaxe bei MHA?

a) Botox erzielt bei 67% der MHA-Patienten und Patientinnen eine Reduzierung der Attackenhäufigkeit um mindestens 50%

b) Topiramat wird häufig bei MHA eingesetzt – mit relativ gutem outcome✔️

c) CGRP-Antikörper erzielen die besten Ergebnisse in puncto Attackenreduzierung bei MHA

d) Gepante gehören zu den vielversprechenden neuen Migränemitteln, die auch bei MHA wirken könnten✔️

e) Lamotrigin wird Off-Label häufig erfolgreich eingesetzt, muss aber sehr vorsichtig aufdosiert werden✔️

f) Flunarizin wirkt vergleichsweise gut bei ausgeprägter Schwindelsymptomatik✔️

g) Verapamil darf nicht eingesetzt werden als Prophylaxe bei MHA

Erläuterungen:
Studien, die sich explizit auf die MHA beziehen, sind selten. Für Topiramat und Flunarizin ist die Datenlage vergleichsweise gut. Dies gilt ebenso für den Off-Label-Einsatz von Lamotrigin, das sich in der Praxis häufig bewährt.

Zur Nutzung von Botox bei MHA gibt es keine belastbaren Daten; die bekannten Erfolgsraten stammen aus der chronischen Migräne allgemein.

Gepante gelten als neue, vielversprechende Wirkstoffe; könnten bei MHA wirksam sein, auch wenn spezifische Daten fehlen.

Lamotrigin (Off-Label) ist besonders bei aurabezogenen Formen hilfreich; muss sehr langsam und vorsichtig aufdosiert werden.

Flunarizin ist gut geeignet bei ausgeprägter Schwindel- und Ataxie-Symptomatik (Kontraindikationen beachten!).

Für CGRP-Antikörper gibt es keinen Hinweis auf „beste Ergebnisse“ speziell bei MHA; die Wirksamkeit individuell sehr unterschiedlich.

Verapamil ist nicht kontraindiziert. Es wird Off-Label bei MHA und anderen komplizierten Auren vor allem in den USA häufig eingesetzt und gilt in mehreren Fallserien als effektiv, besonders bei ausgeprägter vestibulärer oder dysregulatorischer Symptomatik und komplizierten Auren.

In Deutschland wird Verapamil dagegen als „nicht wirksam“ eingestuft, weil keine modernen, kontrollierten Studien zur Migräneprophylaxe vorliegen. In den USA stützt sich die positive Bewertung vor allem auf jahrzehntelange klinische Erfahrung – insbesondere bei aura­dominierten Migräneformen. Dort wird Verapamil trotz fehlender RCTs seit Langem als erprobtes Off-Label-Medikament genutzt. Auch viele Patientenberichte beschreiben deutliche Verbesserungen bei insgesamt guter Verträglichkeit.

Quellen:

Akerman S, Romero-Reyes M et al. (2024). Current Prophylactic Medications for Migraine and Their Mechanisms of Action. Journal of Oral & Facial Pain and Headache. 2024.

American Migraine Foundation: https://americanmigrainefoundation.org/resource-library/migraine-with-brainstem-aura/ (zuletzt abgerufen 24.11.2025)

d’Onofrio F, Cologno D, Petretta V, Casucci G, Bussone G.(2007). Basilar-type migraine responsive to lamotrigine: three case reports. Neurol Sci. 2007 May;28 Suppl 2:S239-41. doi: 10.1007/s10072-007-0787-z. PMID: 17508181.

Lewis et al. (2007). A Double-Blind, Dose Comparison Study of Topiramate for Prophylaxis of Basilar-Type Migraine in Children (Headache 2007): https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18052950/ (zuletzt abgerufen am 24.11.2025)

Solomon, Glen. (2005). Verapamil in Migraine Prophylaxis ‐ A Five‐Year Review. Headache: The Journal of Head and Face Pain. 29. 425 – 427. 10.1111/j.1526-4610.1989.hed2907425.x.

Sprenger T, Borsook D. (2012). Migraine: prophylactic pharmacotherapy and developments.
Nature Reviews Neurology. 2012.

Sprenger T, Goadsby PJ. (2012). Medication‐overuse headache and approaches to migraine prophylaxis. Current Treatment Options Neurology 2013.

Frage 10: Dürfen Patienten und Patientinnen mit MHA Autofahren?

a) Ja, ohne Einschränkung
b) nicht während eines Anfalls✔️
c) grundsätzlich nicht
d) muss ggf. im Einzelfall entschieden werden✔️

Erläuterungen:

Menschen mit Migräne mit Hirnstammaura dürfen grundsätzlich Auto fahren, aber nicht während eines Anfalls (wegen möglicher Bewusstseinsstörungen, Ataxie, Doppelbildern oder Verwirrtheit).

Außerhalb der Attacken liegt eine Fahreignung grundsätzlich vor, sie muss im Zweifel jedoch individuell beurteilt werden, besonders bei häufigen oder schweren Auren oder solchen, die erfahrungsgemäß ohne Vorzeichen auftreten. Der Austausch in Betroffenenforen zeigt jedoch, dass die meisten schon in der Prodromalphase merken, wann eine Hirnstammaura sich ankündigt. Sie kommen (als vernunftbegabte Menschen) dann ohnehin nicht auf die Idee, sich hinter’s Steuer zu setzen – im eigenen Interesse und dem ihrer Mitmenschen.

siehe dazu: ➜ Hinweise auf betanet zum Thema Migräne und Autofahren: https://www.betanet.de/migraene-autofahren.html

🗎↓ „Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung“ von der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) (PDF)